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Das Lied der Lieder
(Das Hohelied)
Schlüsselwort: Liebe.
Schlüsselvers: Kapitel 8,6.
Leitgedanke: Die Gemeinschaft Christi mit Seinem Volke; ihre Notwendigkeit, Bedingung und Ergebnis.
Verkannt:
«Das Hohelied» ist eines der verkanntesten Bücher der Bibel. Manche haben sogar gemeint, es gehöre nicht in die Bibel.
Meinungen:
Ehe wir dieses Buch geringschätzig beurteilen, wollen wir die Mei*nung anderer hören. Die Juden haben es stets besonders hochge*schätzt. Sie zählten es zu den heiligsten Büchern. Sie vergleichen die Spräche mit dem Vorhof des Tempels, den Prediger mit dem Heilig*tum und das Hohelied mit dem Allerheiligsten. J. Edwards schreibt: «Das Lied der Lieder gefiel mir immer so gut, dass ich nicht müde wurde, darin zu lesen. Ich fand darin eine immer grössere Lieblich*keit, die mich ganz gefangen nahm.* Tatsache ist, dass die am geist*lichsten gesinnten Männer, die die Welt je gekannt hat, sich an seinem Inhalt erquickt haben.
Warum verkannt?
«Das Hohelied» wird missverstanden, weil:
1. Der Bibel nicht wohlgesinnte Männer dieses Buch kritisiert haben und nicht beachteten, dass es Dichtung und nicht Prosa ist. Dichter aber haben eine grosse Freiheit in der Ausdrucksweise. Auch vergassen diese Kritiker, dass es
2. ein orientalisches Gedicht ist. Die Orientalen können sich an bilder*reicher Sprache berauschen, eine Sache, die uns nüchternen Euro*päern ganz fern liegt. Trotzdem ist im Hohelied nichts zu finden, was den sittsamsten Orientalen kränken könnte.
3. Es ist ein Gleichnis, und es ist unser Vorrecht, nach der Erklärung
desselben zu forschen. 4 Die Juden singen dieses Lied am achten Tage des Passahfestes. Auch
wir können es nur verstehen, wenn wir den Herrn Jesus als das wahre
Passahlamm erkannt und angenommen haben.
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Was ist sein Inhalt?
Es ist ein herrlicher, poetischer Lobgesang der Liebe zwischen Bräuti*gam und Braut in der glühenden Ausdrucksweise der Orientalen, ihrer charakteristischen Weise gemäss erhabener Gleichnisbilder. Es handelt sich aber nicht um die Geschichte der Liebe zwischen Salomo und einer Jungfrau Sulamith, wenn zwar auch diese Namen darin vorkommen, sondern um die Liebe eines weit Grösseren als Salomo, nämlich des Herrn Jesus Christus selbst zu Seiner Brautgemeinde. Es betrifft aber direkt nicht die christliche Brautgemeinde, sondern Seine irdische Braut, Israel, bezw. dessen gläubigen Überrest Sicherlich kommt ja ein beiden, gläubigen Juden und Christen, ge*meinsamer Grundsatz in Frage; darum die Äusserungen im Liede praktisch auf beide anwendbar, auch auf die einzelnen Seelen als solche. Jedoch ist die Stellung der Braut zum Bräutigam im Hohenliede nicht diejenige, in der sich die christliche Brautgemeinde zum Herrn befindet. Diese letztere steht bereits im innigsten Verhältnis zum Herrn und im Genuss der tiefen und völligen Ruhe bei Ihm und der Süssigkeit Seiner Liebe. Daher ist ihr Herzenszustand die Folge ihrer unauflöslichen Beziehung zu Ihm. Im Hohenliede dagegen gibt sich das Verlangen einer Liebenden kund, welche noch nicht im gesicherten Verhältnis zum Bräutigam steht. Ja, es kommt sogar eine zeitweilige Entfernung von Ihm zum Ausdruck, eben die Ge*schichte Israels, das Gott sich auserwählt hatte, das aber treulos von Ihm abgeirrt ist, dessen Verlangen nach Gott wiedererwacht und, wenigstens sein gläubiger Überrest, schliesslich mit Ihm wieder ver*einigt werden wird. Zu beachten ist auch, dass die Braut immer nur zu ändern von Ihm spricht, nie aber direkt zu Ihm selber, während es Seine Freude ist, ihr zu zeigen, welchen Wert sie für Ihn hat. Von uns aber erwartet Er vor allem, dass wir nicht nur von Ihm zeugen, sondern dass wir Ihm kundgeben, was Er für uns ist (Hebr. 13, 15).
Gliederung:
Das Lied der Lieder kann in fünf Abschnitte geteilt werden. Im Gegensatz zu den Abschnitten C und E finden wir in denjenigen von A, B und D im allgemeinen Braut und Bräutigam getrennt und das Ergebnis des Getrenntseins; zum Schluss wonnevolle Vereinigung der Getrennten.
A. Kapitel 1 — 2,7
1. Einleitung — das schönste aller Lieder Salomos (Kap. l, 1)
2. Verlangen nach dem Kuss der Gemeinschaft (Kap. l, 2)
3. Der Bräutigam ist abwesend, doch der Name duftend, und Seine Liebe wertvoller als alle irdischen Freuden (Kap. 1,3.4).
4. Bekenntnis der Schwachheit und Unwissenheit, aber Erinnerung an die mannigfachen Gnadenerweisungen (Kap. l, 5. 6).
5. Sehnsucht nach ihrem Geliebten, obgleich Er sich verbirgt (Kap. l, 7)
6. Er zeigt ihr, wo sie Ihn finden kann (Kap. l, 8)
7. Zuletzt offenbart sich der König plötzlich, und dann haben wir Seine glühende Beschreibung von der Braut und ihre Schilderung Seiner Person (Kap. l, 9 — 2, 2).
8. Das Zeugnis der Braut, das von ihrer völligen Befriedigung Kunde gibt (Kap. 2, 3—7).
B. Kapitel 2,8 —3,5
1. In diesem Abschnitt haben wir wieder Trennung zwischen Braut und Bräutigam (Kap. 2, 8—9).
2. Die Braut schlafend (Kap. 2, 10)
3. Der Ruf des Bräutigams nach Seiner Geliebten (Kap. 2, 10—13)
4. Die Braut sucht Schutz in der Felsenkluft (Kap. 2, 14)
5. Der Bräutigam lenkt ihre Blicke und ihr Suchen nach Ihm (Kap. 3, 1-2).
6. Hilfe der Wächter (Kap. 3, 3)
7. Ihre Belohnung: Ihn zu finden (Kap. 3, 4)
C. Kapitel 3, 6 — 5, l
Dieser Abschnitt unterscheidet sich von den beiden vorhergehenden darin, dass Braut und Bräutigam nicht voneinander getrennt sind; sie spricht nicht ein einziges Mal; Er allein redet Hier zum ersten Mal nennt der Bräutigam die Geliebte Seine «Braut*. In Kapitel l ist sie nur Seine «Freundin», in Kapitel 2, 14 nennt Er sie «Taube», das Bild des in ihr gegenwärtigen Heiligen Geistes. In Kapitel 4, 8 nennt Er sie «Meine Braut».
D. KapiteI5. 2 —8, 4
Hier haben wir wieder das Getrenntsein der Beiden. Die Braut schläft, wird aber von Ihm geweckt; sie ist zunächst zu träge, und als sie auf*steht, findet sie, dass ihr Geliebter weggegangen ist. Sie erzählte ihren Kummer den Töchtern Jerusalems, diese fragen sie, worin sich ihr Geliebter von ändern unterscheide. Sie antwortet. Gefragt, wohin Er gegangen sei, erinnert sie sich plötzlich. Dann kehrt Er zurück und be-
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schreibt die Herrlichkeit der Braut in einer Sprache, die den verfeinertsten orientalischen Geschmack nicht verletzen würde.
E. Kapitel 8, 5 bis Ende
Hier sehen wir die Braut und den Bräutigam noch einmal beisammen, aus der Wüste heraufkommend. Jetzt gibt es für sie keine Wüste mehr, nur noch das Land, das von Milch und Honig fliesst.
Den König erinnert sie an ihre frühere niedere Stellung (Vers 5) und die Braut überströmt in einer wunderbaren Schilderung und Beschrei*bung der wahren Liebe.
Drei Stufen der Liebe:
1. Zuerst ist der bei der wiedergeborenen Seele vorherrschende Ge*danke: «Mein Geliebter ist mein und ich bin Sein» (Kap. 2, 16). Hier denken wir hauptsächlich an Christum als uns gehörig und in ge*wisser Hinsicht zu unserer Freude.
2. Dann kommen wir zur Erkenntnis: «Ich bin meines Geliebten und mein Geliebter ist mein» (Kap. 6,3). Sein Eigentumsrecht nimmt den ersten Platz in unseren Gedanken ein.
3. Endlich lernen wir verstehen: «Ich bin meines Geliebten und nach mir ist Sein Verlangen» (Kap. 7, 10). Er nimmt den ganzen Platz ein, denn die vollkommene Sicherheit, Ihm anzugehören, schliesst alles in sich. Wir empfinden es und haben es erfahren, dass Seine Liebe völlig für uns schlägt; sollte uns noch etwas mangeln? Wir dürfen ruhen in Seiner Liebe.
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