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Gleichnis vom verlorenen Sohn in Lukas 15: 11-32

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  • Gleichnis vom verlorenen Sohn in Lukas 15: 11-32

    Bräuchte da viele Infos dazu ! LG
    Im HERRN JESUS CHRISTUS, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.
    ——————————————————

    Antonino.S

  • #2
    AW: Gleichnis vom verlorenen Sohn in Lukas 15: 11-32

    15,11-16 Gott der Vater wird hier als Mensch dargestellt, der "zwei Söhne hatte". "Der jüngere" steht für den Sünder, der Busse tut, während der ältere für die Schriftgelehrten und Pharisäer steht. Die letzteren sind durch die Schöpfung Kinder Gottes, nicht jedoch durch Erlösung. Der jüngere Sohn ist auch als der "verschwenderische" Sohn bekannt. Ein "Verschwender" ist jemand, der rücksichtslos aufwendig lebt und sein Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft. Dieser Sohn wurde seines Vaterhauses müde und entschied sich, den Vater zu verlassen. Er konnte nicht darauf warten, dass sein Vater starb, und bat deshalb vorzeitig um seinen "Teil des Vermögens". Der Vater teilte an seinen Sohn sein ihm zustehendes Teil aus. Kurz danach machte sich der Sohn "in ein fernes Land" auf und gab sein Geld freizügig für sündige Vergnügungen aus. Sobald seine Mittel erschöpft waren, kam eine schlimme "Hungersnot" über das Land und er sah sich völlig verarmt. Die einzige Arbeit, die er bekommen konnte, war als Schweinehirt - eine Arbeit, wie man sie schlimmer einem Juden nicht anbieten konnte. Als er die Schweine ihre Bohnenschoten fressen sah, beneidete er sie. Sie hatten mehr zu essen, als er selbst und "niemand" schien ihm helfen zu wollen. Die Freunde die er hatte, als er sein Geld verprasste, waren alle verschwunden.

    15,17-19 Die Hungersnot erwies sich als verborgener Segen. Sie liess ihn nachdenklich werden. Er erinnerte sich, dass die "Tagelöhner" seines "Vaters" weitaus bequemer lebten als er. Sie hatten genug zu essen, während er "vor Hunger" fast starb. Als er darüber nachdachte, entschied er sich, daran etwas zu tun. Er entschied sich, zu seinem Vater zu gehen, seine Sünde anzuerkennen und Vergebung zu erbitten. Er erkannte, dass er "nicht mehr würdig" war, sein "Sohn zu heissen" und plante, um eine Stelle als "Tagelöhner" zu bitten.

    15,20 Lange, ehe er sein Vaterhaus erreicht hatte, "sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn zärtlich". Das ist wohl das einzige Mal in der Bibel, wo Gott in gutem Sinne eilt. Stewart gibt das gut wieder:

    Liebevoll stellt Jesus Gott dar, der nicht auf sein beschämtes Kind wartet, bis es nach Hause geschlichen kommt, noch auf seiner Würde beharrt, als der Sohn kommt, sondern hinausläuft, um ihn zu begrüssen, so beschämt und zerlumpt und schmutzig wie der Sohn auch war, um ihn in seinen Armen zu begrüssen. Derselbe Name "Vater" hat gleichzeitig die Sünde dunkler gemacht und die wunderbare Herrlichkeit der Vergebung ver-stärkt.47)

    15,21-24 Der Sohn bekennt seine Sünde bis zu dem Punkt, wo er um Arbeit bitten will. "Der Vater aber" unterbricht ihn, indem er den Sklaven befiehlt, seinem Sohn "das beste Kleid" anzuziehen, "einen Ring an seine Hand" und "Sandalen an seine Füsse" zu tun. Er befiehlt auch ein grosses Festmahl, um die Wiederkehr seines Sohnes zu feiern, der "verloren war und gefunden worden ist". Für den Vater war er "tot" gewesen und nun war er "wieder lebendig". Jemand hat einmal gesagt: "Der junge Mann suchte nach einem guten Leben, doch er fand es nicht in einem fernen Land. Er fand es erst, als er den guten Einfall hatte, in seines Vaters Haus zurückzukehren." Man hat auch bemerkt, dass sie "anfingen, fröhlich zu sein", doch nirgends berichtet wird, dass sie wieder aufhörten. So ist es bei der Errettung des Sünders.

    15,25-27 Als der "ältere Sohn" vom "Feld" zurückkommt und den Festlärm hört, fragt er einen Sklaven, "was das wäre". Der erzählt ihm, dass sein jüngerer "Bruder" wiedergekommen ist, und dass sein "Vater" sich überschwenglich freue.

    15,28-30 Der ältere Sohn wurde von eifersüchtiger Wut verzehrt. Er weigerte sich, an der Freude seines Vaters teilzuhaben. J. N. Darby hat es sehr gut ausgedrückt: "Wo Gottes Freude ist, kann der Selbstgerechte nicht hinkommen. Wenn Gott dem Sünder gut ist, was nützt mir meine Gerechtigkeit?" Als "sein Vater" ihn bittet, am Fest teilzunehmen, weigert er sich und klagt, dass der Vater ihn "niemals" für seinen treuen Dienst und seinen Gehorsam belohnt habe. Er habe nie "ein Böckchen" empfangen, noch viel weniger ein gemästetes Kalb. Er beklagte sich, dass der Vater nicht zögerte, ein grosses Fest zu feiern, nachdem der verschwenderische Sohn zurückgekehrt ist, nachdem er das Geld seines Vater "mit Huren durchgebracht" hat. Man beachte, dass er sagt: "dieser dein Sohn" und nicht: "mein Bruder".

    15,31.32 Die Antwort des Vaters zeigt, dass Freude mit der Wiederherstellung eines Verlorenen verbunden ist, während ein widerspenstiger, undankbarer und unversöhnter Sohn kein Grund zum Feiern ist.

    Der ältere Sohn ist ein sprechendes Bild für die Schriftgelehrten und Pharisäer. Sie ärgerten sich, dass Gott den schlimmen Sündern Gnade schenkte. Ihrer Meinung nach hatten sie ihm treu gedient, seine Gebote niemals übertreten und waren doch in ihren Augen dafür nie gebührend belohnt worden. Die Wahrheit war jedoch, dass sie religiöse Heuchler und schuldige Sünder waren. Ihr Stolz verblendete sie, so dass sie weder ihre Entfernung von Gott noch die Tatsache sahen, dass er Segen über Segen über sie ausgegossen hatte. Wenn sie nur willig gewesen wären, Busse zu tun und ihre Sünden zuzugeben, wäre das Herz des Vater erfreut worden und auch sie hätten Anlass für ein grosses Fest geboten.
    Im HERRN JESUS CHRISTUS, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.
    ——————————————————

    Antonino.S

    Kommentar


    • #3
      AW: Gleichnis vom verlorenen Sohn in Lukas 15: 11-32

      WDBL

      35. Die große Trilogie (15,1-32)

      a) Das verlorene Schaf (V. 1-7)
      Man kann sich mit diesem großartigen Kapitel der Bibel nicht auseinandersetzen,
      ohne von ehrfürchtiger Verwunderung und auch tiefer Freude über den Reichtum
      kostbarer Evangeliumswahrheiten ergriffen zu werden. Oft verwendet der Herr – wie
      wir auch im Lukas-Evangelium wiederholt feststellen konnten – zwei Gleichnisse, um
      eine große Wahrheit zu verkünden. Hier aber erzählt der Herr sogar drei Gleichnisse,
      um einem jeden Herzen die gewaltige Wahrheit darüber aufzuschließen, wie
      das Verlorene gefunden wird. Der goldene Text des Lukas-Evangeliums wird hier in
      aller Gründlichkeit veranschaulicht: »Der Sohn des Menschen ist gekommen, zu
      suchen und zu erretten, was verloren ist«
      Verlorenen, nicht die Wiederherstellung eines verirrten Gläubigen.
      Das Beste ist, den Worten ihr volles Gewicht zu belassen, damit sie in unsere Herzen dringen, und dem Heiligen Geist zu vertrauen, dass Er sie anwende.

      Die alten Puritaner umrissen die Kapitel
      14-16 des Lukas-Evangeliums wie folgt:
      Kap._14 -–- Eine Feier / Die Erde mit all ihrer Torheit / Ein großes Mahl.
      Kap._15 -–- Eine Hungersnot / Der Himmel mit all seiner Wonne / Ein großes Erbarmen.
      Kap._16 -–- Ein Feuer / Die Hölle mit all ihrem Grauen / Eine große Kluft.



      Das Gleichnis ist eine einzige Geschichte, obwohl es aus drei Teilen besteht; es
      bedarf nämlich all dieser drei, um ein vollständiges Bild des Verlorenseins zu geben.

      Das Schaf war hoffnungslos verloren, und schmerzensreiche Mühe war nötig, um es
      zu finden.

      Die Silbermünze ging unwissend verloren, und es bedurfte fleißigen Suchens, um sie zu finden.

      Der Sohn ging willentlich verloren, und es bedurfte des liebevoll sehnenden Herzens des Vaters, um ihn zu finden. Das erste Verlorene zeigt das Erbarmen, das zweite den großen Wert, das dritte die Liebe.

      Den beiden ersten haftet keine Schuld für ihr Verlorengehen
      an,
      das dritte ist für seinen Zustand voll verantwortlich.

      Der dreieine Gott wirkt zur Errettung des Verlorenen.
      Das Schaf war in Gefahr, und es bedurfte der Leiden des Herrn Jesus, des guten Hirten, um es zu finden.

      Die Silbermünze war in der Finsternis, und es bedurfte des Wirkens des Heiligen Geistes, um zu finden und ins Licht zu bringen.


      Der Sohn war in großer Not, und es bedurfte der mitfühlenden
      Liebe des Vaters, um ihn daraus zu befreien. Die beiden ersten Gleichnisse hat man
      treffend
      »das verlorene Schaf« und »den verlorenen Groschen« genannt; aber das dritte sollte man das »Gleichnis vom Vaterherzen« nennen.


      1-2_
      Diese beiden Verse müssen miteinander betrachtet werden, denn sie sagen uns,
      an wen sich das dreifältige Gleichnis richtete. Der große Gegensatz, der sich in der
      Volksmenge fand, erklärt den gleichen Gegensatz im Gleichnis. Alle sind Sünder,
      und alle sind in ihren Sünden verloren. Der Gegensatz ist der, dass einige wissen, dass
      sie es sind, andere nicht.
      Die Zöllner, welche die Zölle für die verhassten Römer
      eintrieben und von den Juden als Verräter angesehen wurden, werden in einem Atemzug mit Sündern genannt und waren wie diese Verstoßene des jüdischen Gemeinwesens.
      Die Pharisäer waren hoch religiös, und die Schriftgelehrten waren Fachkundige der komplizierten rabbinischen Lehren, die nach ihren Aussagen auf dem Gesetz Moses fußten.
      Der Herr Jesus war nicht gekommen,
      »Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Umkehr« (5,32).
      Es ist nicht einfach eine unerlaubte Vereinfachung durch Evangeliums Verkündiger, sondern eine tiefe biblische Wahrheit, dass der Herr Jesus nicht darum kam, um die Gerechten zu rufen, denn es gab keine (Röm 3,10).


      Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten
      »eine Gerechtigkeit«, die sie vor den Menschen zur Schau stellten, die aber in Gottes
      Augen einem unflätigen Kleid glich (Jes 64,6). Wir müssen den Gegensatz zwischen
      den Sündern und den Selbstgerechten, die den Herrn bei dieser Gelegenheit hörten,
      vor Augen behalten. Das NT kennt nur ein Evangelium. Unterschiede in seiner Präsentation lassen sich stets auf die verschiedenartigen Bedürfnisse der Zuhörer zurückführen (vgl. Apg 13,16-41 und 17,22-31). So ist es auch hier. Die Sünder nahten sich, um den Herrn
      zu hören. »Die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten«, dass sie sich aber dem
      Herrn genaht hätten, können wir nicht erkennen.

      Kapitel 14 schließt mit dem Satz:
      »Wer Ohren hat zu hören, der höre!« (V. 35).
      Die Anklage: »Dieser nimmt Sünder auf«, wurde von solchen vorgebracht, die den Herrn Jesus hassten; aber, wie bei anderen Gelegenheiten (Mt 27,37.42), war es ein Segen, dass die Anklage zutraf.
      Dieses Murren hätte die Volksmenge vom Herrn abbringen sollen.
      Nur Lukas verwendet das Wort diagongyzô; außer hier noch in 19,7: »... murrten alle und sagten: Er ist eingekehrt, um bei einem sündigen Mann zu herbergen.« Es bedeutet wörtlich »durch[1]murren«, also ein bösartiges Murren durch die Menschenmenge zu schicken.

      3_
      Die drei Geschichten werden als ein Gleichnis bezeichnet, weil es eins ist: Es
      geht stets darum, wie der verlorene Sünder errettet wird. Die Lektionen der Geschichte
      vom verlorenen Schaf können sehr einfach zusammengefasst werden: alle sind in ihren
      Sünden verloren; nur einer wusste, dass er verloren war; der Preis, um den Verlorenen
      zu retten, ist unermeßlich, und nur die schmerzensreiche Arbeit des suchenden
      Hirten kann den Verlorenen finden. Der Hirte im Gleichnis ist der gute Hirte, der
      Sein Leben für die Schafe lässt. Da es darum geht, die Geschichte zu deuten,
      schreiben wir nicht von einem Hirten, sondern von dem Hirten. Es ist wichtig zu
      verstehen, dass alle, die in diesem Kapitel als Verlorene beschrieben werden, errettet
      wurden; sie vertreten also all jene, die erkannt haben, dass sie verloren sind.

      4_
      Die hundert Schafe werden aufgeteilt in die neunundneunzig und das eine.
      Die neunundneunzig Schafe waren die Pharisäer und Schriftgelehrten, die nicht wussten,
      dass sie verloren waren. Sie befanden sich in der jüdischen Hürde, aber nicht unter der
      sicheren Obhut des Hirten. Sie werden also in der Wüste gelassen, und Er »geht dem
      verlorenen nach, bis er es findet«. Dieser Satz zeigt uns die Haltung des Himmels
      gegenüber den Verlorenen. Wie weit wird der Hirte gehen? Wie lange wird Er suchen?

      Die Segen bringende Antwort ist: »bis er es findet«. Das lehrt uns auch den
      Wert einer einzigen Seele. Für Gott gibt es
      keine gewöhnlichen Leute; ein jedes Individuum ist eine unermesslich kostbare
      Seele, die vom Hirten persönlich geliebt und beharrlich gesucht wird.
      Das Schaf ist törichterweise in die Irre gegangen, bis es gewahrt, dass es verloren
      ist. Die ganze Welt von Juden und Heiden, Pharisäern und Sündern, Religiösen und
      Religionslosen, wird in zwei Ausdrücken zusammengefasst: »das verlorene« und
      »mein Schaf ... das verloren war« (V. 6).

      Ersterer beschreibt die ganze Menschheit, die noch nicht gefunden worden ist; letzterer beschreibt alle, die gerettet worden sind.
      Die jetzt gerettet sind, waren einst verloren.
      Wer noch nicht entdeckt hat, dass er verloren ist und vom Hirten nicht gefunden
      worden ist, ist noch immer verloren, wie nobel sein Glaubensbekenntnis und wie
      edel seine Religion auch sein mag. Der Mensch, der noch nie verloren war, ist auch
      nie gerettet worden.

      Einige behaupten, die neunundneunzig seien gerettet, nicht verloren, und sie verweisen auf die Aussage in V. 7, die das stützen soll: sie seien jene, »welche der
      Buße nicht bedürfen«.

      Eine solche Ansicht unterstellt dem Herrn, Er habe sich in Seiner Lehre selbst widersprochen; denn in 13,3.5 lehrte Er, dass alle der Buße bedürfen. Wenn man das Gleichnis anders deutet, als wir es getan haben, schafft man sich
      auch das Problem, dass man die Pharisäer
      und Schriftgelehrten zu Geretteten deklariert, wo doch Lukas sagt, dass sie den
      Herrn und Seine Lehre verwarfen (11,52-54).

      Die Suche des Hirten dauerte lange, und sie kostete Ihn die Not und den Todeskampf von Golgatha.

      5-6_
      »Und wenn er es gefunden hat«, umreißt die ergreifende Geschichte der langen
      Suche, die den Herrn so unsagbar viel kostete. Wenn Er es findet, dann lässt Er es
      nicht allein heimwärts trotten, sondern trägt es mit großer Freude auf den allmächtigen
      Schultern des Hirten nach Hause (Jes 40,11). Erst nachdem Er es gefunden hat,
      nennt Er es »mein Schaf«. In V. 4 ist es lediglich »das verlorene«. Nachdem es
      einmal gefunden ist, ist es »mein Schaf, das verloren war«. Nur solche, die von Ihm
      gefunden worden sind, sind Seine Schafe. »Nach Hause« bedeutet wohl noch nicht
      unser Eingehen in die himmlische Heimat am Ende unseres Lebens, sondern eher
      unser Heimkommen zu Gott, während wir noch in dieser Welt sind, was das gesegnete
      Teil aller Erretteten ist. Das ist die Belehrung von
      1Petr 3,18:
      »Es hat ja Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte
      für die Ungerechten, auf dass er uns zu Gott führe.«


      Das Ende des Weges ist freilich der Himmel selbst, wo Gott dem Glaubenden jetzt schon mit Christus seinen Sitz gibt (Eph 2,6).

      7_
      Wie unter den Freunden und Nachbarn Freude war, »also wird Freude im Himmel
      sein über einen Sünder, der Buße tut«. Das ist der Grund, warum wir festhielten, dass
      dieses eine Schaf alle Aufmerksamkeit im Himmel erregte. Sein Gefundenwerden ist
      die Freude des Himmels. Jene, von denen
      es heißt, dass sie »der Buße nicht bedürfen«, sind Menschen, die wie die Pharisäer
      und Schriftgelehrten ihre Not nie erkannt haben und nie zur Buße gebracht worden
      sind. Der Verfasser dieses Evangeliums schrieb in seinem zweiten Buch: »Gott
      gebietet jetzt den Menschen, dass sie alle allenthalben Buße tun sollen« (Apg 17,30).


      b) Die verlorene Silbermünze (V. 8-10)

      8-10_
      Die ganze Geschichte des »Verloren[1]seins« ist mit der Geschichte vom verlorenen Schaf noch nicht ausgeschöpft. Sogar das törichteste der Schafe könnte selbständig einen Schutz oder den Weg zurück in die Herde finden, obwohl es unwahrscheinlich ist; aber eine verlorene Münze bietet uns ein Bild absoluter Hilflosigkeit.
      Sie kann sich nicht selbst finden. Die Hauptlehre des Gleichnisses ist, dass das
      Verlorene gefunden wird. Nachdem wir die Grundwahrheit erfasst haben, können wir
      in der Geschichte andere Aspekte des Evangeliums entdecken. Es ist eine Frau,
      die die Münze verloren hat, eine Lampe anzündet, das Haus kehrt und so lange
      sucht, bis sie die Münze gefunden hat. In der einleitenden Übersicht über das Gleich[1]nis wurde bereits gesagt, dass dies mit dem
      Wirken des Heiligen Geistes zu vergleichen ist. Die Münze ist eine Drachme, die
      den gleichen Wert hat wie der von Rom geprägte Silberdenar, den eine Aufschrift
      Caesars zierte (Mt 18,28; Mk 12,15). Er war ungefähr einen Tageslohn wert. Wie
      groß die Kaufkraft auch gewesen sein mag, das verlorene Silberstück bedeutete für die
      Frau einen großen Verlust; denn sonst hätte sie nicht so ernsthaft nach der Münze gesucht. Als sie sie fand, hatte sie große Freude. All das ist ein treffendes Bild vom
      Wirken des Heiligen Geistes, der uns suchte, als wir verloren waren, und uns sogar
      seine besondere Aufmerksamkeit widmet (1Petr 1,2; 2Thes 2,13).

      Das Anzünden der Lampe ist ein klares Bild für das Wort Gottes, das als Licht in das verfinsterte Herz des Sünders dringt. Das Kehren ist ein
      Hinweis auf das Ausleuchten und Aufdecken durch den Heiligen Geist, der in
      jeden verborgenen Winkel das Licht des Wortes Gottes bringt; denn der Sünder ist
      nicht allein verloren, sondern auch schuldig und muss daher seine persönliche Sündennot erkennen. Und genau das geschieht, wenn das Wort Gottes und der Geist Gottes
      den Menschen überführt. Das Wort epimelôs (»sorgfältig«) kommt im NT nur
      hier vor. Dieses Adverb setzt sich zusammen aus melei, der dritten Person Einzahl
      von melô (kümmern, besorgt sein), und epi, was die Bedeutung verstärkt. Die Frau
      kehrte und suchte mit großer Sorgfalt, bis sie die verlorene Münze fand.
      Wenn das verlorene Schaf gefunden wird, ist »Freude im Himmel« (V. 7); wenn
      aber die verlorene Münze gefunden wird, ist die Freude »vor den Engeln Gottes« (V. 10). Es kann kein erheblicher Unterschied zwischen den beiden Versen bestehen.

      Plummer sagt, dass »vor den Engeln« so viel bedeutet wie: »nach dem Urteil« der
      Engel Gottes. Wir können auf alle Fälle der Tatsache gewiss sein, dass nach der Einschätzung des Himmels eine einzige Seele den höchsten Wert hat, und das sollte auch
      unsere Einschätzung sein. Wir werden oft gefragt, ob dies bedeute, dass Erlöste, die
      schon im Himmel sind, sich freuen, wenn geliebte Angehörige auf Erden gerettet
      werden. Die schlichte Antwort ist wohl die, dass der ganze Himmel frohlockt, wenn
      irgend eine Seele gefunden wird.


      c) Der verlorene Sohn (V. 11-32)
      Die literarische Schönheit dieser Geschichte hat die Herzen seit Jahrhunderten berührt, aber die Wahrheiten des Evangeliums, welche sie darstellt, sind weit wichtiger. Manch ein verlorener Sohn ist anhand dieses Gleichnisses gerettet worden.

      Die Geschichte vom verlorenen Sohn ist aber eigentlich »das Gleichnis vom Vaterherzen«. Er wird zwölfmal genannt, und es ist Sein liebendes Herz, das in den Geschehnissen enthüllt wird. Der Gedanke ist bewegend, dass Er, der die Geschichte erzählte, der Sohn ist, der nie Seinen Vater betrübte, sondern dessen Herzen stets Freude
      und Wonne brachte. Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem dritten Teil
      der Trilogie und den zwei ersten. In den Geschichten vom verlorenen Schaf und der
      verlorenen Münze erkennen wir keinerlei Erwachen und Erkennen der eigenen
      Schuld und Entfremdung. Die Liebe Gottes und das Suchen des Verlorenen ist die
      ganze Geschichte, aber beim verlorenen Sohn finden wir »das Erwachen und Anwachsen von Buße im Herzen« (A. Plummer). Erneut erkennen wir, wie alle drei
      Teile des Gleichnisses notwendig sind, um
      den Ruin verlorener Sünder angemessen zu
      beschreiben.

      11_
      In den beiden Söhnen begegnen wir wiederum den zwei Arten von Sündern, zu
      denen der Herr sprach (V. 1.2). »Wenn ich beschließen sollte, verloren zu gehen,
      würde ich eher den Weg des jüngeren als des älteren Bruders wählen, denn das Erwachen des Ersteren wäre am Ende nicht so schockierend wie das des Letzteren«
      (Graham Scroggie).

      Es gibt Schreiber, die in den beiden Söhnen eine Geschichte abgefallener Gläubiger in allen Einzelheiten sehen wollten. Wir sind gewiss, dass der Heilige Geist die Schrift gemäß Seiner
      souveränen Weisheit so gebrauchen kann, wie es Ihn gut dünkt. So hat Er zweifellos
      diesen Abschnitt gebraucht, um die Herzen von zurückgefallenen Gläubigen zu erreichen; aber wie wir sehen werden, dreht sich die Lehre des Gleichnisses um den willentlich in die Irre gehenden Sünder, der gefunden wird.


      12_
      So lange die beiden Söhne zu Hause blieben, hatten sie Zugang zu allem, was
      dem Vater gehörte. Der jüngere Sohn wollte nicht länger unter der Autorität seines
      Vaters stehen, weshalb er sich sein Erbe vorzeitig ausbat. Der Vater teilte den Besitz
      unter den beiden auf. Gemäß 5Mo 21,17 stand dem Erstgeborenen das Doppelte
      gegenüber dem Zweitgeborenen zu. Das Erbe konnte vor dem Tod der Eltern aufgeteilt werden, aber die Erben hatten die Pflicht, ihre Eltern zu versorgen. Die Sünde
      des Jüngeren bestand nicht allein in seiner Verschwendungssucht, sondern auch darin,
      dass er seinen Vater nicht ehrte. Viele haben eingewendet, die Geschichte müsse, da sie doch mit einem Vater und zwei Söhnen beginnt, als ein Gleichnis für
      einen abgefallenen Gläubigen, der wieder zurückfindet, verstanden werden, es gehe
      nicht um einen Sünder, der sich zu Gott bekehrt. Damit löst man freilich das
      Gleichnis aus dem Zusammenhang, in den es der Herr gestellt hatte. Gewiss ist Gott
      nicht der Vater einer unbekehrten Seele, aber Er hat stets das Vaterherz der Liebe,
      und das genügt, um zu zeigen, wie passend der Vergleich ist. Nachdem ich über vierzig
      Jahre meines Lebens als Evangelist gearbeitet habe, finde ich es äußerst schwierig, die Rückkehr eines abirrenden Gläubigen mit der Geschichte in Einklang zu
      bringen. Der Zusammenhang des Gleichnisses ist die Errettung verlorener Sünder.
      Mt 18,12 vermeidet sehr sorgfältig das Wort »verloren«, wo es um jemand geht,
      der dem Bekenntnis nach ein Gläubiger ist, noch wird »verloren« je anders gebraucht
      als im Sinne vom Gegenteil von Errettet sein (Lk 19,10; Joh 17,12; 2Kor 4,3).

      Als der verlorene Sohn gefunden wurde, sagte der Vater zweimal, dass er »tot« gewesen,
      und »wieder lebendig geworden« sei. Diese Wendung wird nur zweimal bezüglich
      derer verwendet, die tot waren in ihren Sünden und »vom Tode in das Leben übergegangen« sind (Joh 5,24). Ein Gleichnis will eine oder mehrere Punkte betonen, die
      eine große geistliche Wahrheit zum Ausdruck bringen. Die Wahrheit, um die es
      hier geht, ist die, dass alle verloren sind, ob sie das einmal einsehen, wie es der jüngere
      Bruder tat, oder ob sie es in der Zeit nie einsehen wie der ältere Bruder.

      13_
      Als der jüngere Sohn aus seinem Vaterhaus auszog, »brachte« er »alles zusammen«, ließ nichts, woran er gehangen hätte, zurück, und durchtrennte jede Verbindung zum Vater. Wir wüssten keinen besseren Kommentar hierzu als
      Jes 53,6: »Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg.
      « Wir sind so geschaffen, dass wir frei wählen können,

      und Gott kann die Folgen einer falschen Wahl nicht aufheben, ohne dass die Schuld
      dafür bis auf den letzten Heller bezahlt wird, sei es durch den Schuldigen selbst
      oder durch einen Stellvertreter. Er reiste in ein fernes Land, so weit von
      zu Hause weg wie nur irgend möglich, wo er weder beobachtet noch zurechtgewiesen
      werden konnte. Dort vergeudete er sein Vermögen durch ausschweifendes Leben.
      Wir wissen nicht, ob die Beurteilung des älteren Bruders gerechtfertigt war, als er
      zum Vater sagte, dieser habe dessen »Habe mit Huren verschlungen« (V. 30). »ausschweifend« (asôtôs, das auch in Eph 5,18 verwendet wird) heißt, dass er seine Habe
      ohne Hemmungen verprasste.

      W.E. Vine
      hat dazu geschrieben: »Das Wort bedeutet nicht unbedingt »haltlos«, aber es bezeichnet ungesitteten Lebenswandel, der keinen Gedanken an die Zukunft verliert (Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen
      Testament, s.v. asôtôs).

      14_
      Wie leichtsinnig sein Tun war, zeigt sich an der Tatsache, dass er nicht eher
      damit aufhörte, als dass er »alles verzehrt hatte«. Als er bankrott war, suchte eine
      gewaltige Hungersnot das Land heim, und er »fing an, Mangel zu leiden«. Ein lebendigeres Bild von der verzweifelten Not eines Sünders lässt sich schwerlich denken.
      Als er seine ganze Habe aufgebraucht hat, stellt er fest, dass er sich in einem Land
      befindet, wo eine grausame Hungersnot herrscht. Es ist nicht schwer, dieses »ferne
      Land« zu identifizieren. Es ist eine sündige Welt ohne Gott.


      15_
      Die Hungersnot ist nicht die einzige Not im Land; denn in seiner fürchterlichen
      Klemme muss er erkennen, dass er keinen einzigen Freund mehr hat. Er muss eine
      ganze Anzahl von »Freunden« gehabt haben, als es ihm noch gut ging, aber diese
      waren etwas ganz anderes als der Freund der Sünder (V. 2). »Und er ging hin und
      hängte sich an einen der Bürger jenes Landes« als Knecht gegenüber einem Fremden.
      Das war allein schon eine tiefe Entwürdigung für den Sohn eines wohlhabenden
      Juden, aber die ganze Tiefe der Erniedrigung erreichte er erst, als dieser »ihn auf
      seine Äcker schickte, Schweine zu hüten«.

      Das Schwein war ein unreines Tier: »Von ihrem Fleisch sollt ihr nicht essen und ihr
      Aas nicht anrühren, unrein sollen sie euch sein« (3Mo 11,8).
      Tag für Tag wurde er daran erinnert, dass er ein Gesetzesübertreter war und damit unter dem Gericht Gottes stand.

      16_
      So tief war er in seiner Not schon gesunken, dass die Schweine besseres Futter
      hatten als er. Er sehnte sich nach den »Träbern«, den Schoten des Johannisbrotbaumes, die die Schweine fraßen. Die Rationen, die ihm sein neuer Herr gewährte, reichten
      bei weitem nicht, um seinen Hunger zu stillen. Das ist eine ernste Erinnerung daran,
      wie erbärmlich arm alle werden, die der Sünde und dem Satan dienen. In den Augen
      seines Herrn waren die Schweine mehr wert als er. Keiner hatte Mitleid mit dem halbverhungerten Ausländer, der auf die tiefste gesellschaftliche Stufe hinabgesunken war.
      Gott war es, der in Seiner unendlichen Güte und Freundlichkeit ihn so weit hatte sinken
      lassen.
      Keration (»Träbern«) bedeutet »Hörnchen«,
      was sich auf die Schoten des Johannisbrotbaumes bezieht, die noch heute in
      den Ländern um das Mittelmeer häufig sind.

      17_
      Wenn ein Sünder »zu sich selbst kommt«, ist er endlich an dem Ort, wo »die
      Gnade noch überschwenglicher« werden kann (Röm 5,20). Der Gedanke ist der,
      dass er sich zuvor der Wirklichkeit verschlossen hatte, womit er buchstäblich
      »außer sich« gewesen war. Im fernen Land dachte er an das Haus seines Vaters und an
      dessen »Tagelöhner«, die »Überfluss an Brot« hatten. Als er bereit war, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, erkannte er, dass er im Begriff stand, zu Grunde zu gehen.
      Es ist richtig, dieses Umdenken als ein Erwachen zu bezeichnen. Und das hat jeder
      Sünder nötig, wenn er errettet werden will, sei es, dass er wie der verlorene Sohn auf
      dem Weg der Zöllner und Sünder war, sei es, dass er wie die Schriftgelehrten und
      Pharisäer, und damit wie der ältere Sohn, höchst anständig in der Gottesferne lebte.

      18-19_
      Der Sohn, den das Vaterhaus mit all seinen Einschränkungen einst ganz krank
      gemacht hatte, ist jetzt krank vor Heimweh. Wenn es heißt, dass er sich »aufmachen«
      (in der englischen Bibel »aufstehen«) wollte, dann zeigt das, dass er zerschlagen und
      verzweifelt am Boden lag. Er sagt auch, er wolle zu seinem Vater zurück, nicht nach
      Hause. Durch seine Sünde hatte er sich sein Zuhause verscherzt. Unter dem Gesetz galt:
      »Wenn ein Mann einen unbändigen und widerspenstigen Sohn hat, welcher der
      Stimme seines Vaters ... nicht gehorcht ... so sollen sein Vater und seine Mutter ihn ...
      zu den Ältesten seiner Stadt und zum Tore seines Ortes hinausführen, und sollen zu
      den Ältesten seiner Stadt sprechen: Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig,
      er gehorcht unserer Stimme nicht, er ist ein Schlemmer und Säufer! Und alle Leute
      seiner Stadt sollen ihn steinigen, dass er sterbe ....
      Und ganz Israel soll es hören und
      sich fürchten« (5Mo 21,18-21). Der verlorene Sohn steht unter dem
      Todesurteil. Er hatte wahrlich gegen den Himmel gesündigt, gegen die gerechten
      Gesetze Gottes und gegen seinen Vater; er war schuldig (3Mo 5,17).


      20_
      Wahre Buße ist weit mehr als bloße Worte: »Und er machte sich auf und ging.«
      Er kehrte »zu seinem eigenen Vater« (Fußnote Elberf) zurück. Er hatte im fernen
      Land an das Haus des Vaters gedacht, und jetzt soll er die Liebe eines Vaterherzens
      kennenlernen, das sich unablässig nach ihm gesehnt hatte. »Als er aber noch fern war
      enthüllt uns die Wunder göttlicher Gnade. Die Augen des Vaters hatten so lange
      Ausschau gehalten, bis sie müde geworden waren. Der wartende, trauernde, nach
      seinem Sohn verlangende Vater ist ein gewaltiges Bild vom Herzen Gottes. Der
      erste Suchende in der Bibel ist Gott (1Mo 3,8.9), und im Sohn sucht Er noch immer
      die Verlorenen (Lk 19,10). Der Vater sah den Sohn mehr mit dem Herzen als mit den Augen. Er zögerte nicht, sondern fasste seine Gewänder und rannte ohne sich zu schämen in der Würde tiefer Barmherzigkeit dem Sohn entgegen, streckte ihm die Arme entgegen, umarmte
      ihn und küsste ihn. Der Sohn hat noch kein Bekenntnis abgelegt, aber Taten sprechen
      lauter als Worte: Er ist zurückgekehrt, und das genügt dem Vater, um ihn frei, offen
      und mit Freuden aufzunehmen.

      21_
      Sein Bekenntnis war offen und umfassend. Er suchte keine Entschuldigungen,
      sondern bekannte offen seine Schuld. Er sagte kein Wort von Vergebung und machte keine Andeutungen darüber, wie der Vater ihn behandeln solle. Das tat er im fernen Land als er sich vornahm, dem Vater zu sagen, er solle ihn wie einen seiner Tagelöhner machen. Jetzt ist er von der Liebe des Vaters ergriffen und ist damit zufrieden, alles dem Vater anheimzustellen. Das ist bei aller wahren Buße und bei allem echten Bekennen unabdingbar. Wenn der Sünder oder Gläubige Sünden bekennen muss, dann kann er nicht mildernde Umstände geltend machen. Ist der »Mund verstopft« (Röm 3,19), bringt er keine
      Entschuldigungen mehr vor. Der Sünder ist ganz auf Gottes Erbarmen geworfen; die
      Grundlage und die Voraussetzungen zur Vergebung werden von dem bestimmt, der
      die Vergebung gewährt. Wir können Gott nur dafür danken, dass wir gefunden haben,
      was jeder bußfertige Sünder erfährt: Er vergibt frei, vollständig und auf ewig.

      22_
      Das Bekenntnis geschah zwischen Vater und Sohn. Es war eine private Angelegenheit, eine Herzenssache. Sobald sie im Haus des Vaters waren, sagte er den Knechten: »Bringt schnell das beste Kleid heraus« (Zürcher). Welchen Gegensatz zu seinen Lumpen bildete das beste Gewand im Haus, das sich auffinden ließ! Sowohl im AT (Jes 61,10) als auch im NT (Offb
      7,14) wird das Gewand als ein Bild der Errettung verwendet. Das Gewand ist der
      äußerliche Erweis – nicht die zugerechnete Gerechtigkeit – des empfangenen Segens,
      eines Segens, der von allen gesehen werden kann. Die dem Gläubigen zugerechnete
      Gerechtigkeit (Röm 3,22) ist ein innerlicher richterlicher Akt, den nur Gott wahrnimmt.
      An seine Hand kommt ein Ring. Viele glauben, es handle sich um den Siegelring
      der Vollmacht und bringen es mit 1Mo 41,42 in Verbindung: »Und der Pharao
      nahm seinen Siegelring von seiner Hand und tat ihn an die Hand Josefs.« Der Ring
      war ein Zeichen der nie endenden Gemeinschaft mit dem Vater. Die Schuhe an den
      Füßen zeichneten ihn als freien Mann aus. Er war weder Sklave noch Tagelöhner,
      sondern ein Sohn, der im Wissen um vollkommene Vergebung und Annahme in die
      Gegenwart des Vaters treten durfte.

      Die dem verlorenen Sohn bei der Rückkehr geschenkten Segnungen sind mit den
      Segnungen der Gläubigen verglichen worden, wie sie im Epheserbrief dargestellt
      werden. Wir waren einst »tot in Übertretungen und Sünden« (Eph 2,1),

      wie der verlorene Sohn »tot ... und wieder lebendig
      geworden ... verloren und ... gefunden worden« war (V. 24). Wie ihm das beste Kleid
      umgehängt wurde, so soll der Gläubige »den neuen Menschen« anziehen Lk 4,24).

      Der Ring spricht von der Würde der »Sohnschaft« (Eph 1,5); die Schuhe entsprechen der Ermahnung, »dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit welcher ihr
      berufen worden seid« (Eph 4,1); die Zubereitung des gemästeten Kalbes geschah
      durch die Knechte, wie der Dienst der Gaben »das Wachstum des Leibes bewirkt
      zu seiner Selbstauferbauung in Liebe« (4,16); und die Musik und der Reigen
      entsprechen den »geistlichen Liedern, singend und spielend dem Herrn in euren
      Herzen« (Eph 5,19).

      23-24_
      Das gemästete Kalb war ein besonders prächtiges Tier, das man für ein Fest zu
      Ehren eines ausgesuchten Gastes bereithielt.
      Nach dem Urteil des Vaters konnte es keinen höheren Anlass geben, als die Auffindung des Verlorenen und die Auferstehung des tot Gewesenen. Als die drei Hauptbestandteile der Geschichte können diese genannt werden:

      das Haus des Vaters,
      das Herz des Vaters,
      die Freude des Vaters.

      Es ist bewegend, wie sich in dieser Geschichte das Herz des Vaters enthüllt: im uneingeschränkten Maß der Vergebung, der Annahme des einst Verlorenen und der nie
      endenden Freude. »fröhlich zu sein« ist ein Infinitiv Präsens und besagt, dass die Freude
      andauerte. Damit ist es ein bewusster Hinweis auf die ewige Errettung. Wir finden
      einen ähnlichen Gedanken in Offb 21,6:
      »Und er sprach zu mir: Es ist geschehen.«


      J.N. Darby sagt in der Fußnote zu seinem englischen NT, dass es vielleicht »sie sind
      erfüllt« übersetzt werden sollte. Der Zusammenhang macht deutlich, dass »es angefangen hat« und nie enden wird. So auch in der vorliegenden Geschichte:
      »Sie fingen an, fröhlich zu sein.«


      25-27_
      Am Anfang dieses Kapitels murrten die Pharisäer gegen den Herrn, weil Er
      Sünder aufnahm und mit ihnen aß. Die Trilogie ist an sie gerichtet worden.
      Sie
      sind besonders im älteren Bruder zu erkennen. Er war »auf dem Feld« beim Arbeiten
      und hatte an der Freude und an der Feier über die Rückkehr des bußfertigen verlorenen Sohnes nicht teilgenommen. In der Nähe des Hauses hört er Musik und Reigen und will von einem Knecht wissen, was das zu bedeuten habe. Der Knecht ist weise genug, jeder Versuchung, die Ereignisse auszulegen, zu widerstehen und berichtet ganz sachlich: »Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat.«

      Die Wörter »Musik«
      (symphônia) und »Reigen« (choros) kommen nur hier vor. Als Fremdwörter sind sie
      uns natürlich als Symphonie und Chor (das freilich eine etwas andere Bedeutung angenommen hat) geläufig.


      28_
      Der Bruder ist wütend und geht nicht hinein. Das muss dem Vater berichtet
      worden sein, denn er kommt heraus und bittet ihn, mit hineinzukommen.
      Die Wiederholung des Bildes von einem Haus
      in Lk 13-15 sollte nicht übersehen wer[1]den. In 13,25 ist es der »Meister des Hauses«, der aufsteht und die Tür schließt. In 14,23 sagt der Hausherr »auf dass mein
      Haus voll werde«. In diesem Kapitel hat das Haus einen Vater, was mit Joh 14,2
      übereinstimmt: »In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.« Die Bezeichnung passt jedesmal zum jeweiligen Zusammenhang: der Vater bittet, der Herr befiehlt, der Meister schließt die Tür.

      »Ins Haus eintreten« wird mit Errettung verglichen. Der ältere Bruder wird gebeten zu kommen, aber er weigert sich (15,28). Die Gäste werden geladen, aber sie entschuldigen sich (14,18); aber wenn die Tür zu ist, stehen große Mengen
      Einlass fordernd davor und können nicht mehr eintreten (13,25).

      29-30_
      Das Bitten des Vaters steht im Gegensatz zur Weigerung des Sohnes. Es war
      die Liebe des Vaters, die ihn dazu bewegte, den Sohn inständig zu bitten, ins Haus zu
      kommen. Dieser weigert sich, weil er durchaus nicht willens ist, diese Art Vergebung, die dem Bruder so frei gewährt wurde, zu akzeptieren. Er ist nicht einmal
      bereit, ihn noch als seinen Bruder anzuerkennen und sagt deshalb »dieser dein
      Sohn«, nicht »mein Bruder«. Die Haltung entspringt einem unbußfertigen Geist.

      Er ist sich dessen nie bewusst geworden, wie sehr
      er selbst Vergebung nötig hätte. Er beruft sich auf seine lebenslange Arbeit als dem
      Vater gehorsamer Diener (douleuô) in der Meinung, das müsse als Grundlage der
      Annahme genügen. Das ist genau die Gesinnung des Pharisäers, der keine Vergebung annehmen kann, weil er meint, keine zu benötigen. Ein selbstgerechter
      Geist ist ein Nährboden für eine überkritische Haltung anderen gegenüber. Daher
      unterstellt er seinem Bruder das denkbar Schlechteste: er habe »deine Habe mit
      Huren verschlungen«. Seine Worte verraten, wie sehr er bei allem seine eigenen
      Interessen suchte: »Mir hast du niemals ein Böcklein gegeben, auf dass ich mit meinen
      Freunden fröhlich wäre.« Sie sind auch ein Hinweis auf die Freudlosigkeit religiöser
      Arbeit, die wirklich nichts als Knechtschaft ist. Das ist eine ernste Warnung an uns:
      Wenn auch wir hyperkritisch sind und den bußfertigen Sünder beargwöhnen oder ihm
      die Vergebung absprechen, dann sind wir
      gleichen Geistes mit den Pharisäern.
      31-32_Die Antwort des Vaters ist vollzarter Geduld mit seinem älteren Sohn, und das ist ein lebendiges Bild von der Liebe Gottes zu Seinem Volk Israel.
      Wir werden an Hosea 11,4.8 erinnert: »Mit Menschenbanden zog ich sie, mit Seilen der Liebe; ...Wie sollte ich dich hingeben, Ephraim?
      dich überliefern, Israel?«
      Sogar den Pharisäern gegenüber war der Herr voller Liebe und Besorgtheit.


      ================================================== ================

      KAPITEL 21: Der suchende Hirte, die suchende Frau und der suchende Vater


      Lukas 15,1-32
      J.D.P.



      Der Hintergrund

      Jesus hatte im vorausgehenden Gleichnis angezeigt, dass er die Ausgestoßenen willkommen heißt
      - die Armen, die Krüppel, die Blinden und die Lahmen (Lk 14,21).

      Die selbstgerechten Pharisäer nahmen schnell Kenntnis von denen, die Jesus annahm und willkommen hieß; sie beobachteten die Art von Menschen, an deren Gemeinschaft er sich erfreute und mit denen er seine Mahlzeiten einnahm. Die Ausgestoßenen der Gesellschaft hätten die Pharisäern niemals willkommen geheißen, noch hätten sie erwogen, ihnen Gastfreundschaft an ihren Tischen zuteilwerden zu lassen. Solche Menschen zählten für sie zu der Gruppe, die sie Zöllner und Sünder nannten. Zöllner wurden verachtet, weil sie sich an Rom verkauft hatten. Unter dem herrschenden System bereicherten sie sich auf Kosten ihrer Volksgenossen, indem sie Steuern erhoben, um Rom zu unterstützen. Sünder war ein weitgefasster Begriff, der alle Ausgestoßenen in der Gesellschaft umfasste. Jesus tolerierte nicht nur die Gegenwart solcher Menschen in seinem Gefolge, sondern ging noch einen Schritt weiter und hieß sie tatsächlich willkommen; er erfreute sich an der Gemeinschaft mit ihnen. Für die Pharisäer bedeutete das,
      dass Jesus keinesfalls der Gesalbte Gottes sein konnte, denn seine Haltung zu Sündern stand im Gegensatz dazu, wie sie über Gottes Haltung zu Sündern dachten. Ihrer Ansicht nach liebte Gott die Gerechten, hasste aber die Sünder. Sie gingen so weit zu sagen, dass Gott sich über den Tod von Sündern freut, da dieser einen solchen aus seiner Gegenwart entfernt. Sie hatten keine Vorstellung von einem
      Gott, der Sünder liebte und Gemeinschaft mit ihnen suchte, damit er sich an der Gemeinschaft mit ihnen erfreuen konnte. Das Verhalten Jesu richtete sich daher ganz und gar gegen das pharisäische Konzept von Gott. Das war für sie der Grund, warum sie glaubten, den Anspruch Jesu auf göttliche Identität ablehnen zu können.

      Das Problem

      Der Widerspruch zwischen dem Verhalten Jesu und dem pharisäischen Konzept von Gott brachte die Frage auf, welche Haltung Gott zu Sündern einnahm. Diese Frage war so wichtig, dass Jesus sehr ins Detail ging, um darauf Antwort zu geben.

      Die Lösung

      Zwar umfasste die Antwort drei Gleichnisse, doch sie war gleichzeitig auch ein einziges Gleichnis; daher umschrieb Lukas Jesu Antwort auch mit den Worten:
      »dieses Gleichnis« (Lk 15,3).

      Die Gleichnisse sind daher verbunden durch das Wort »oder« (V. 8) und durch die Formulierung
      »Er sprach aber« (V. 11),
      was zeigt, dass es nicht drei verschiedene Antworten sind auf die Frage nach Gottes Haltung zu Sündern, sondern eine einzige.

      Bei der Überleitung zum ersten Gleichnis
      - das vom suchenden Hirten -
      begann Jesus nicht, wie so oft in seinen Gleichnissen, indem er sich auf einen bestimmten Menschen bezog,
      denn das hätte das Gleichnis unpersönlich gemacht; stattdessen sprach er seine Zuhörer direkt an:

      » Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verloren hat ...« (Lk 15,4).
      Auf diese Weise veranlasste der Herr jeden seiner Zuhörer, unmittelbar persönliches Interesse an dem zu zeigen, was für jemanden, der einen Verlust erlitten hatte, von Wert war.
      Darüber hinaus brachte dieser Auftakt seine Zuhörer dazu, über ihre eigene Reaktion auf eine solche Situation nachzudenken.

      Der Herr wusste, dass in Bezug auf den Wert dessen, was verloren gegangen war, jeder seiner Zuhörer die neun- undneunzig verlassen hätte,
      um das verlorene Schaf zu suchen.
      Sie hätten nicht nur oberflächlich oder nur kurze Zeit gesucht; vielmehr wären sie dabei sehr gewissenhaft vorgegangen und hätten das Suchen ausgedehnt, bis das wertvolle Schaf schließlich gefunden war.

      Aufgrund des Wertes dessen, was der Besitzer verloren hatte, wäre die Suche eingeleitet und fortgesetzt worden.
      Als der Suchende im Gleichnis das verlorene Schaf gefunden hatte, zeigte er sein Mitgefühl für das Tier, indem er es auf seine Schultern nahm und nach Hause trug.
      Bei seiner Rückkehr rief er dann seine Freunde und Nachbarn zusammen, damit sie an seiner Freude Anteil nehmen konnten.

      Die Wiederherstellung dessen, was für ihn von Wert war, brachte ihm solch eine Freude, dass er andere herbeirief, um sich mit ihm zu freuen.
      Jesus lehrte auf diese Weise, dass Gott der Vater beharrlich und sorgfältig nach dem Verlorenen sucht und so viel Freude an der Wiederherstellung dieses Verlorenen hat, dass er andere zusammenruft, um seine Freude mit ihnen zu teilen.

      Damit die Pharisäer auf jeden Fall verstanden, worum es ging, erklärte Jesus:
      »So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, <mehr> als über neunundneunzig Gerechte, die die Buße nicht nötig haben«
      (Lk 15,7).


      Er zog keineswegs den Schluss, dass die Pharisäer, die mit den neunundneunzig gemeint waren, aus Gottes Sicht gerecht waren.
      Sie waren ihrer eigenen Ansicht nach gerecht, und sie hielten sich für solche, die keiner Buße bedurften.

      Der Sünder, der Buße tat, erfreute Gott, nicht die selbstgerechten Pharisäer, die Jesu Einladung zur Buße ablehnten.

      Um diese Lektion ein zweites Mal zu verdeutlichen, verwendete Jesus das Bild einer Frau, die zehn Silbermünzen besaß. Die Münzen waren vielleicht die Mitgift der Frau, die sie bei ihrer Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Solche Münzen wurden normalerweise an einem Stirnband befestigt und auf der Stirn getragen, damit jeder sie sehen konnte. Der Verlust einer der Münzen würde Untreue seitens der Braut gegenüber ihrem Ehemann nahelegen.

      Die Münzen hatten nicht nur einen finanziellen Wert,
      sondern waren auch von emotionaler Bedeutung, denn sie standen für das Band zwischen Braut und Bräutigam und für die Treue,
      die solch eine Verbindung zur Folge hatte.
      Im Gleichnis von der verlorenen Münze begann die Frau, in ihrem Haus danach zu suchen.
      Die Häuser hatten damals entweder einen Lehm- oder einen Steinboden.
      Um den Staub unter Kontrolle zu halten oder um Kälte und Feuchtigkeit abzuhalten, wurden die Böden mit Stroh bedeckt.
      Um eine Münze, die auf den Boden gefallen war, zu suchen, war es notwendig, das Stroh beiseite zu räumen,
      es zu durchsuchen und dann den Boden zu fegen.

      Solch eine Suche bedeutete also einen erheblichen Aufwand, doch die Münze war von so hohem Wert, dass die Arbeit der Mühe wert erachtet wurde. Die Frau schreckte keineswegs vor der Aufgabe zurück, weil so viel Arbeit damit verbunden war;
      stattdessen durchsuchte sie fleißig das Stroh, bis die Münze gefunden war.

      Der Wert der Münze war die Arbeit wert.
      Über den Lohn für ihre große Mühe empfand sie eine solche Freude, dass sie sie nicht für sich behalten konnte; daher rief sie ihre Freunde und Nachbarn und lud sie ein, sich mitzufreuen.
      Erneut offenbarte Jesus durch dieses Gleichnis, dass Gott unermüdlich nach Sündern sucht, ohne Rücksicht auf die damit verbundene Mühe. Wenn ein Sünder Buße tut und für Gott wiederhergestellt ist, freut Gott sich an der Wiederherstellung und ruft die Engel im Himmel zusammen, damit sie in seinen Jubel über den »Sünder, der Buße tut« (Lk 15,10) einstimmen. Jesus fuhr fort, diese Lektion noch weiter zu vertiefen, indem er ein drittes Gleichnis hinzufügte. Zwar wird die Betonung darin für gewöhnlich auf den verlorenen Sohn gelegt. Es wird aber falsch verstanden, wenn die Betonung nicht auf dem Vater liegt, der zwölf Mal in dieser Geschichte erwähnt wird. Jesus zeigte weiterhin, welche Haltung Gott gegenüber Sündern einnimmt. Das wird nicht durch den verlorenen Sohn deutlich, sondern durch den suchenden Vater. Der Sohn besaß in der Tat einen abscheulichen Charakter. Er zeigte seine Selbstsucht, indem er von seinem Vater die Herausgabe seines Erbteils verlangte. Solch ein Erbteil würde ihm normalerweise nach dem Tod seines Vaters zukommen, doch er verlangte es im Voraus, um seine fleischlichen Begierden befriedigen zu können. Der Vater erfüllte ihm trotzdem seinen Wunsch.

      Das Verhalten des Sohnes glich dem des Volkes Israel, wie Psalm 106,14-15 festhält:
      »Sie gierten voller Begierde in der Wüste, versuchten Gott in der Einöde. Da erfüllte er ihnen ihre Bitte, und er sandte Schwindsucht in ihre Seele.«

      Die Sünden der Väter waren wahrlich von dieser Generation verübt worden.
      Der Sohn wollte die fürsorgliche Obhut seines Vaters verlassen und der Verantwortung vor seinem Vater entfliehen; daher verließ er das Haus seines Vaters und brach auf in ein fernes Land, wo er völlig unabhängig von seinem Vater leben konnte. Er gab sich seinen Begierden hin und

      »vergeudete ... sein Vermögen, indem er verschwenderisch lebte« (Lk 15,13).

      Obwohl sein Erbe sicherlich beträchtlich war, war es durch seine Maßlosigkeit bald aufgebraucht. Dann wurde das Land von einer schweren Hungersnot gelähmt, die in kurzer Zeit die Preise für Lebensmittel eskalieren ließ.
      Der junge Mann besaß nichts mehr, womit er sich auch nur das Notwendigste hätte kaufen können, und so war er in äußerster Not.

      Da er sein gesamtes Erbe durchgebracht hatte, musste er sich eine Arbeit suchen; und die einzige freie Stelle war die eines Schweinehirten. Wie ungeheuer erniedrigend war es für einen Juden, Tiere zu hüten, deren bloße Gegenwart zeremonielle
      Verunreinigung bewirkte! Für die Schweine wurde besser gesorgt als für den Schweinehirten. Sein Lohn reichte nicht einmal dazu aus, seinen Hunger zu stillen, und so verlangte ihn nach dem Futter, das er den Schweinen gab.
      Doch er wagte es nicht, etwas von dem Schweinefutter für sich zu verwenden, und so blieb ihm nicht anderes übrig als zu betteln. Doch wegen der Hungersnot hatte niemand etwas zu essen übrig.

      Dieser Sohn hatte die Liebe des Vaters zurückgewiesen und das Haus seines Vaters verlassen.
      Er hatte sich seiner Autorität entzogen, doch er konnte nicht vergessen, welchen Überfluss er bei seinem Vater gehabt hatte.
      Er begann, sich nach der Fürsorge zu sehnen, die sein Vater seinen Knechten schon zukommen ließ, und er verglich seinen gegenwärtigen Zustand mit den guten Bedingungen der Knechte seines Vaters.

      Das veranlasste ihn zu dem Entschluss, zum Haus seines Vaters zurückzukehren und wenigstens die Vorteile zu nutzen, die sein Vater seinen Knechten bot.

      Der Sohn erkannte, dass es nichts an ihm gab, was ihn seinem Vater empfehlen würde.
      Er wusste, dass sein Vater einen berechtigten Grund hatte, ihm die Rückkehr in sein Haus zu verweigern - wenn er die Absicht hatte, ihn zu bestrafen.

      Der Sohn legte sich daher einen Plan zurecht, von dem er hoffte, dass er sich dadurch bei seinem Vater zumindest wieder so beliebt machen konnte,
      dass dieser ihm zwar nicht die Gunst eines Sohnes, aber die eines Knechtes gewährte.

      Der Sohn erkannte, dass ein Schuldbekenntnis notwendig war, und so beabsichtigte er, seinem Vater mit den Worten zu begegnen:
      » Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir« (Lk 15,18).

      Er wollte darüber hinaus seine Unwürdigkeit zum Ausdruck bringen, wieder wie vorher die Vorrechte der Sohnschaft zu genießen, indem er bekannte: »Ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen« (V. 19).

      Es ist festzuhalten, dass beide Aussagen der Wahrheit entsprachen. Er hatte gesündigt, und er war es nicht wert, in seine frühere Stellung wiedereingesetzt zu werden. Wenn jedoch eine Wiederherstellung erfolgen sollte, musste sie auf einer anderen Grundlage stattfinden als der seiner Würdigkeit.

      Der Sohn wollte er nun seinem Vater folgenden Vorschlag unterbreiten:
      »Mach mich wie einen deiner Tagelöhner« (V. 19).
      Durch treuen Dienst hoffte er, sich bei seinem Vater beliebt zu machen, um von ihm wieder versorgt zu werden.
      Das waren die Dinge, die der Sohn im Sinn hatte, als er die lange Reise zurück zum Haus seines Vaters antrat.
      Bis dahin finden wir im Gleichnis noch nichts über die Haltung, die Gott der Vater gegenüber den Sündern einnimmt.

      Stattdessen wird uns vielmehr durch den Sohn die Not von Sündern gezeigt.
      Nun aber fährt das Gleichnis fort und offenbart uns die Haltung des Vaters Sündern gegenüber. In der Erzählung heißt es: »Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater« (Lk 15,20). Der ursprüngliche griechische Text legt die Betonung auf die Wörter »noch fern« und zeigt damit an, dass der Vater nicht im Haus blieb und einfach nur hoffte, dass der Sohn irgendwann zurückkehrte. Stattdessen wartete der Vater sehnlichst auf die Rückkehr des Sohnes und ging deshalb offenbar eine beträchtliche Strecke vom Haus zu einem Aussichtspunkt, wo er zum frühestmöglichen Zeitpunkt von der Rückkehr des Sohnes erfahren konnte.
      Als der Vater seinen Sohn sah, wurde er »innerlich bewegt« (Lk 15,20). Die Liebe des Vaters begann nicht erst bei der Rückkehr des Sohnes. Der Vater hatte nie aufgehört, seinen Sohn zu lieben. Er liebte den Sohn sogar, als er keiner Liebe mehr wert war. Er liebte den Sohn sogar, als der Sohn von ihm entfremdet war. Er liebte den Sohn sogar, als der Sohn sein Erbe durch sein ausschweifendes Leben vergeudete. Er liebte den Sohn sogar, als der Sohn sich dazu hergab, ein Schweinehirte zu werden. Er liebte seinen Sohn sogar, als der Sohn jeglicher Liebe unwürdig war. Die Liebe veranlasste ihn, seinem Sohn entgegenzulaufen, ihn zu umarmen und ihm seine Liebe dadurch zu zeigen, dass er ihn küsste (V. 20). Der Sohn wurde von der Liebe des Vaters, die ihn überwältigt hatte, förmlich überschüttet. In diesem Gleichnis betonte Jesus also, dass Gott Sünder liebt und sehnsüchtig auf ihre Rückkehr wartet. Der Sohn begann, sein sorgfältig vorbereitetes
      Konzept umzusetzen, das er sich zurechtgelegt hatte. Er bekannte seine Sünde, indem er sagte: »

      Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen« (V. 21).

      Der Vater ließ den Sohn aber nicht dazu kommen, ihm sein Angebot zu unterbreiten, Knecht zu werden und sich die Gnade seines Vaters wieder zu erarbeiten.
      Er hatte ja schon seine Zuneigung für seinen Sohn gezeigt, und nun machte er ihm durch eindeutige Beweise klar, dass er seine vollständige Wiederherstellung im Sinn hatte, indem er ihm wieder die Vorrechte der Sohnschaft gewährte.

      Der Vater befahl seinen Knechten und wies sie an:
      »Bringt schnell das beste Gewand heraus und zieht es ihm an« (V. 22a).

      Dieses Gewand hatte dieselbe Bedeutung wie das Gewand, das Jakob Josef geschenkt hatte (1. Mo 37,3-4)
      als Zeichen dafür, dass Josef von seinem Vater zu seinem Erben erwählt wurde.
      Im Gleichnis bewies dieses Gewand also, dass der einst widerspenstige, nun aber wiederhergestellte Sohn wieder zum Erben seines Vaters eingesetzt war. Überdies befahl der Vater den Knechten:
      »Tut einen Ring an seine Hand« (V. 22b).

      Der Ring war ein Zeichen für Autorität. Durch das Eindrücken des Siegelrings in Wachs wurden Verträge besiegelt. Die Übergabe des Rings an den Sohn bedeutete, dass der Vater dem Sohn das Vorrecht gab, die ganze Autorität des Vaters bei Geschäftsabschlüssen in seinem Namen auszuüben.
      Außerdem befahl der Vater den Knechten auch noch: »... tut ... Sandalen an seine Füße« (V. 22c). Knechte gingen barfuß. Sandalen waren ein Zeichen dafür, dass jemand Sohn und kein Knecht war. Der, der sich seinem Vater als Knecht anbot, sollte Sandalen erhalten, die ihn von den Knechten im Haus des Vaters abhoben.
      Zusätzlich brachte der Vater seine Freude über die Rückkehr seines Sohnes zum Ausdruck, indem er seine Knechte anwies: »... bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es, und lasst uns essen und fröhlich sein« (Lk 15,23). Dass ein Kalb gemästet worden war, zeigt, dass der Vater die Rückkehr des Sohnes bereits erwartet hatte.

      Das Kalb, das im Blick auf die erwartete Rückkehr des Sohnes gemästet worden war, sollte nun geopfert werden. Wie der Hirte beim Finden des verlorenen Schafes Freude empfand (V. 6) und die Frau beim Finden der verlorenen Münze (V. 9), so empfand der Vater Freude bei der Rückkehr und Wiederherstellung seines Sohnes. Dies war eine solche Freude, dass sie unbedingt geteilt werden musste. So lehrt das Gleichnis, dass Gott die Sünder liebt, dass Gott nach den Sündern sucht, dass Gott Sünder wiederherstellt und dass Gott die Vorrechte und Segnungen der Sohnschaft auf diejenigen überträgt, die zu ihm zurückkehren. Einerseits widerlegten diese drei Gleichnisse auf angemessene Weise den Irrtum der Pharisäer, die darauf bestanden, dass Gott Sünder hasst und sich an ihrem Tod freut. Andererseits offenbarten diese Gleichnisse Gottes Liebe für die Sünder und die Segnungen, die Gott denen überträgt, die zu ihm zurückkehren.
      Jesus setzte die Gleichnis Erzählung fort, indem er den älteren Sohn vorstellte. Er tat dies, um zusätzlich noch die Haltung der Pharisäer zu Sündern und zu Gott herauszustellen, wenn dieser Sünder annimmt. Während die Rückkehr des jüngeren Sohnes bei dem Festmahl gefeiert wurde, war der ältere Sohn auf dem Feld. Er war nicht eingeladen worden, an dem Festmahl teilzunehmen, da der Vater wusste, dass der ältere Sohn über die Rückkehr und Wiederherstellung des jüngeren Sohnes keine Freude empfinden würde. Als der ältere Sohn sich dem Haus näherte, hörte er fröhliche Klänge und fragte einen der Knechte, die am Festmahl teilnahmen, was denn los sei. Ihm wurde mitgeteilt, dass sein jüngerer Bruder zurückgekehrt war, dass der Vater das Kalb, das für die Rückkehr des Sohnes gemästet worden war, hatte schlachten lassen und dass er sich über die Rückkehr des Sohnes freute. Die Haltung des älteren Sohnes zu seinem Vater zeigte sich so:

      Er
      »wurde zornig und wollte nicht hineingehen« (Lk 15,28).
      Er freute sich keineswegs, dass sein jüngerer Bruder zurückgekehrt und wiederhergestellt worden war. In diesem Teil des Gleichnisses offenbarte Jesus, dass die Pharisäer in der Tat Gott kritisierten, wenn sie
      Jesus dafür kritisierten, dass er Sünder willkommen hieß und mit ihnen aß, den Gott liebt Sünder und heißt sie bei ihrer Umkehr willkommen. Auch der ältere Sohn hätte an dem Festmahl teilnehmen können, dies wird durch folgende Tatsache deutlich:

      »Sein Vater aber ging hinaus und redete ihm zu« (V. 28).

      Dieses Zureden des Vaters war die Bitte an seinen Sohn, seine Haltung zu seinem Vater und zu seinem Bruder, der zurückgekehrt war, zu ändern. Er konnte ja nicht damit einverstanden sein, dass sein Sohn am Festmahl teilnahm, bevor er nicht seine Einstellung geändert hatte. Der Sohn jedoch weigerte sich, seine Einstellung zu ändern und an dein Fest teil
      zunehmen. Er bezichtigte seinen Vater der Ungerechtigkeit und sagte:

      »Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten; und mir hast du niemals ein Böckchen gegeben, dass ich mit meinen Freunden, fröhlich gewesen wäre« (V. 29). Der ältere Sohn brachte damit zum Ausdruck, dass sein Vater ihm die Belohnung für seinen Dienst, die ihm rechtmäßig zustand, vorenthalten hatte. Er verglich die Behandlung, die der jüngere Sohn erfahren hatte, mit seiner eigenen Behandlung durch den Vater. Der ältere Sohn meinte, sein Vater hätte ungerecht gehandelt, indem er ihm solche Segnungen vorenthielt. Darauf entgegnete ihm der Vater:

      »Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein« (V. 31).
      Damit machte Jesus deutlich, dass dieselben Vorrechte, die dem jüngeren Sohn gewährt wurden, auch immer dem älteren Sohn zur Verfügung standen. Doch der ältere Sohn hatte selbst nie von dem Gebrauch gemacht, was ihm der Vater auf seinen Wunsch hin hätte zukommen lassen. Deshalb durfte der ältere Sohn nicht dem Vater die Schuld dafür geben, dass er nicht hatte, woran sich der jüngere Sohn nun erfreute. Der Vater hielt diese Segnungen für den älteren Sohn bereit, der jedoch nie für sich in Anspruch genommen hatte, was der Vater ihm zur Verfügung stellte. Der Fehler lag daher nicht beim Vater, sondern bei dem älteren Sohn. In diesem Teil des Gleichnisses versuchte Jesus den Pharisäern zu vermitteln, dass sie durch ihre Haltung zu Gott offenbarten, dass sie keine wahren Knechte und keine wirklichen Söhne waren, obgleich sie sich selbst als Knechte und Söhne Gottes bezeichneten. Gott hatte ihnen dieselben Vorrechte zur Verfügung gestellt wie dem Sünder, der zu ihm umkehrte. Doch die Pharisäer waren nicht zu Gott gekommen, um von ihm die Segnungen zu empfangen, die er bereitet hielt; trotz ihrer Stellung als Söhne waren sie keine wirklichen Söhne. Wenn sie tun würden, was der jüngere Sohn tat - also zu Gott kommen und ihre Sündhaftigkeit und Unwürdigkeit eingestehen -, würden sie von Gott dieselben Segnungen und Vorrechte erhalten, die dem reuigen Sünder übertragen wurden.

      • Jesus machte also durch diese drei Gleichnisse überaus deutlich, warum er Sünder willkommen hieß und mit ihnen aß.
      Er demonstrierte die Barmherzigkeit Gottes Sündern gegenüber.
      Im Gegensatz zum Denken der Pharisäer nimmt Gott bußfertige Sünder an, anstatt sie abzuweisen. Im Gegensatz zur Lehre der Pharisäer freut sich Gott nicht am Tod der Sünder, sondern er freut sich vielmehr darüber, wenn Sünder wiederhergestellt werden und ihm nachfolgen. Gott hat Freude daran, den Unwürdigen die Vorrechte der Sohnschaft zu verleihen, und solche Vorrechte würden selbst den Pharisäern zuteil werden, wenn sie tun, was der widerspenstige Sohn tat: Zum Vater zurückkehren, ihre Sündhaftigkeit eingestehen, seine Vergebung annehmen und in den Stand der Sohnschaft eintreten und deren Vorrechte genießen.
      Im Herrn Jesus Christus
      Hans Peter Wepf
      1. Mose 15.6

      Kommentar


      • #4
        AW: Gleichnis vom verlorenen Sohn in Lukas 15: 11-32

        Siehe auch die: → Geschichten in Lukas

        >>Lukas Evangelium
        von Charles Andrew Coates

        Es wurde die allgemeine Behauptung aufgestellt, dass Zöllner und Sünder sich dem Herrn nahten, um Ihn zu hören.
        Es war gerade eine solche Hörerschaft bei Ihm, die sich gewöhnlich zu Ihm versammelte und Ihm angenehm war.

        Der Herr gab den Menschen als Sündern solch einen Eindruck von der Güte und Gnade Gottes, dass sie sich dafür interessierten.
        In der Neuen Übersetzung (von J. N. Darby) steht eine Bemerkung unten, die darauf hinweist, dass diese Schar sich gewöhnlich zum Herrn zu versammeln pflegte, um Ihn zu hören.

        Es war nicht nur in dem Augenblick der Fall.
        In den Augen der Schriftgelehrten und Pharisäer kam der Herr dadurch in schlechten Ruf, dass Er solch eine Schar um Sich hatte und dass Er sie aufnahm und mit ihnen aß.
        Es handelte sich aber darum, den Gegensatz zwischen dem Sinn des Himmels und dem Sinn der religiösen Menschen auf Erden festzustellen. Solchen Menschen bedeutete es viel, wenn ihnen gesagt wurde, dass sie Gott sehr wertvoll waren.


        Ich habe oft empfunden, dass wir sehr wenig von der Gesinnung der Gnade durchdrungen sind. Wir sagen einem Menschen, dass er verloren ist, und wir meinen damit, dass er heruntergekommen, erniedrigt und in einem sehr unwürdigen Zustande ist.

        In der Schrift wird aber das Wort „verloren“ gebraucht, um auf etwas Wertvolles hinzuweisen.

        Der Herr erweckte den Eindruck, dass Gott Sich für Seine Geschöpfe interessierte; Gott war sehr darum besorgt, dass Er Sein Geschöpf verloren hatte. Es war nicht nur wichtig, dass das Geschöpf verloren war, sondern es ging auch darum, wer es verloren hatte.
        Manchmal lesen wir Anzeigen über verlorene Dinge, und darin wird zuweilen bekanntgegeben, dass eine Belohnung ausgesetzt ist, und dadurch wissen wir, dass die Person, die etwas verloren hat, darum besorgt ist. Die Sache ist nicht wertlos, sondern wertvoll. Je mehr die Person sich bemüht, die Sache zurückzubekommen, desto mehr empfindet man ihren Wert.


        Was in diesem Kapitel hervorgehoben wird, ist der Wert des Sünders für Gott;
        es bereitet Gott Sorge, dass Er den Menschen verloren hat.
        „Welcher Mensch unter euch, der...eines von ihnen (von den Schafen) verloren hat..?“
        Hier liegt der Nachdruck nicht so sehr darauf, dass das Schaf verloren ist, sondern mehr darauf, dass der Eigentümer es verloren hat.
        Dieses Kapitel dient dazu, die moralische Größe der Buße ans Licht zu bringen.

        Nach Lukas 15 wird derjenige, der Buße tut, völlig für Gott wiederhergestellt.
        Hier liegt der Nachdruck auf der Mühe der Personen der Gottheit, die Sünder zur Buße zu bewegen. Der Mensch, der Sünder, ist Gott sehr wertvoll; Gott hat ihn verloren, und Er will, dass er wieder gewonnen und wieder hergestellt werde. Nach diesem Kapitel ist die Buße die Wiederherstellung des Geschöpfes, das Er verloren hatte, für Gott.
        Somit wird der Buße ein großer Platz eingeräumt.
        Menschen mögen sagen, dass sie Gläubige sind, aber welche moralische Wirkung hat das in ihren Seelen erzeugt?
        Die Buße ist eine in der Seele erzeugte moralische Wirkung, welche den ganzen Charakter der Beziehungen des Geschöpfes zu Gott ändert. Es ist nicht, dass man gewisse Dinge glaubt, sondern der Mensch ist verwandelt. In der Seele ist eine moralische Wirkung vorhanden, die den Menschen dazu befähigt, Gott als in Gnade erkannt hochzuschätzen.
        Wenn Gott, als in der Gnade erkannt, geschätzt wird, so hat Er Sein Geschöpf wiedererlangt, und zwar ist es auf solch eine Weise zurückgekehrt, dass es dem Himmel eine Freude ist. Somit stellt dieses Bild des Eigentümers, der dem Schafe nachgeht, dar, wie weit der Sohn Gottes zu gehen bereit ist, um den Sünder zur Buße zu bringen. Es entfaltet nicht das, was Er zur Herrlichkeit Gottes oder um für die Sünde zu sühnen tun musste.
        Als die Tatsache, dass der Sohn Gottes für ihn in den Tod gegangen war, dem Paulus einleuchtete, verwandelte er alle seine Gedanken über Gott. Der Herr Jesus kam aus der vollen Herrlichkeit der Gottheit zu der Tiefe der Leiden auf Golgatha herab, um unsere Gedanken über Gott zu verändern. Es war nicht nötig, Gottes Gedanken zu ändern. Ich glaube, dass bei uns vielfach der Gedanke vorhanden ist, dass Jesus gekommen war, um die Gedanken Gottes über uns zu verändern.

        Aber Er kam, um unsere Gedanken über Gott zu verändern; das ist Buße.
        Wir ändern dabei unsere Gedanken und sehen ein, dass Gott dem Verlorenen nachgeht, weil es in Seinen Augen so kostbar ist; Er ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen, um Buße zustande zu bringen. Der Sohn Gottes musste herniederkommen und in den Tod gehen, um Buße zu Gott in meiner Seele zu bewirken; das gibt uns ganz andere Gedanken über Gott.
        Er ist bereit, alles zu tun, um mich zur Buße zu bringen. Das verlorene Schaf wird gefunden, wenn Buße bewirkt worden ist. Nachher nimmt der Besitzer alles völlig auf sich; er hat das Schaf gefunden, und er übernimmt die Fürsorge und die ganze Verantwortung.

        Wenn wir das Evangelium predigen, stellen wir Gott in Seinem wahren Lichte dar. Gott hat den Menschen verloren, weil der Mensch allerlei falsche Gedanken über Gott hat, die ihm von Satan eingeflößt worden sind, und der natürliche Unglaube des Herzens des gefallenen Menschen klammert sich an diese falschen Gedanken.

        Jesus ist aber in wunderbarer Liebe und Gnade hervorgetreten.
        Der Sohn Gottes ist bis zum Äußersten gegangen; Er ist in den Tod gegangen, damit wir sehen möchten, was für Mühe, was für Kosten, was für eine Tätigkeit die göttliche Gnade auf sich nehmen musste, damit wir zur Buße gebracht werden möchten.
        Wenn das zustande gekommen ist, sind tausend Schwierigkeiten gelöst, die in der Lebensgeschichte der Seele entstehen, weil sie noch nicht gefunden worden ist.

        Man kann einem Menschen zeigen, dass er ein Sünder ist, wenn man das Gesetz predigt, und in dieser Weise ihm die Erkenntnis der Sünde beibringen. Die Evangeliumsbuße besteht aber in einem Selbstgericht, das dadurch hervorgebracht wird, dass man die Gedanken Gottes, wie auch Seine wunderbare Anteilnahme an den Menschen verstanden hat. Er wollte alles tun und Seinen Sohn in den Tod geben, um die Menschen zur Buße zu bringen. Der Hirte hat etwas verloren, und Er kann nicht ruhen, bis Er es zurückerlangt hat.
        Wenn der Herr uns die moralische Bedeutung der ersten beiden Gleichnisse angibt, sagt Er uns, dass es die Buße ist.

        Er sagt:
        „Also, sage ich euch, ist Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut.“
        Das gefundene Schaf ist ein bußfertiger Sünder; wenn der Sünder zur Buße gebracht worden ist, hat der suchende und rettende Hirte ihn gefunden, und das hat die ganze Angelegenheit erledigt.
        Nach diesem Kapitel bedeutet die Buße die Wiederherstellung des Verlorenen für Gott; Buße geschieht nach Gott hin. Bedenkt, was in den Weg des Herrn eingeschlossen war. Dieser Weg schloss das Tragen der Sünden ein - Er wurde zur Sünde gemacht und von Gott verlassen - das ganze Tragen der Sünde am Kreuz - und so weit musste Er gehen, um mich zur Buße zu bringen.
        In den ersten beiden Gleichnissen handelt es sich noch nicht um die Wirkung auf mich, sondern die Sache wird völlig von der göttlichen Seite aus betrachtet. In dem Gleichnis von dem jüngeren Sohne sehen wir einen Teil der Übungen, die in unserer Seele vor sich gehen. Es zeigt, wie viel in der Buße enthalten ist; eine wahrhaftig bußfertige Seele ist sich dessen bewusst, dass Gott sie gefunden hat. Derjenige, der mich verloren hatte, wollte mich wieder haben und hat mich gefunden. Es hat Ihn viel gekostet, mich zu suchen, aber Er hat mich gefunden.
        Das ist ein glückseliges Bewusstsein in der Seele; der Verlorene ist erstaunt zu erfahren, dass es Gott eine Freude ist, ihn wiederzufinden. Es ist wunderbar, das Bewusstsein zu haben, dass wir Freude im Himmel hervorrufen. Nicht allein Gott nimmt Anteil daran, sondern auch alle einsichtigen Geschöpfe bei Gott. Ich zweifle nicht daran, dass es einen Kreis auf Erden gibt, der mit dem Himmel mitfühlt, eine Gemeinschaft der Freude, die den Schriftgelehrten und Pharisäern gar nicht ähnlich ist.


        Vers 10 weist auf die Freude Gottes Selbst hin, die Freude Gottes an Seiner Gnade, die die Engel vor sich haben. Wie wunderbar, die bewusste Freude zu besitzen, dass man für Gott wiedergefunden ist! Jeder Bußfertige kann sagen: Es ist etwas in meiner Seele bewirkt worden, wodurch ich für Gott völlig wiederhergestellt bin. Er hatte mich verloren; nun hat Er mich gefunden. Es könnte keine größere Freude geben, als an die Freude Gottes zu denken, die Er daran hat, mich zu haben. Das bricht die Macht der Sünde. Die Sünde bestand darin, dass ich sehr gut ohne Gott auskommen konnte; nun finde ich aber, dass Gott ohne mich nicht auskommen kann, und das bricht die Macht der Sünde.
        Der Herr sagte von Paulus: Siehe, er betet. Was war das für eine Freude für Gott, den Feind und Verfolger dahin gebracht zu sehen, dass er im Lichte des verherrlichten Christus betete. Das Licht, in welchem er betete, war das Licht eines verherrlichten Heilands. Er hatte Ihn gehasst und verfolgt, und er hatte sich bemüht, Seinen Namen von der Erde auszutilgen, und nun hatte er erfahren, dass er statt eines Betrügers einen verherrlichten Heiland im Himmel hatte. Saulus betete mit diesem Lichte in seinem Herzen, und Christus hatte ihn gefunden.

        Er konnte sagen: Christus hat von mir Besitz ergriffen.
        Einige von uns haben nun schon ziemlich viele Jahre die tiefe Freude über den Gedanken gehabt, dass Gott und der Himmel an einem jeden von uns einzeln Anteil nehmen. In der Wertschätzung der religiösen Menschen mögen wir völlig wertlos sein, oder es mag sogar als eine Verunreinigung gelten, mit uns irgend etwas zu tun zu haben; aber was ihre Gedanken über uns auch sein mögen, so sind wir doch für Gott und für den Himmel vom tiefsten Interesse.

        Es ist augenblicklich eine tiefe Freude, und ich denke, dass ich sagen darf, dass uns diese Freude jetzt mehr bedeutet als damals, als wir sie zum ersten Male schmeckten. Wahre Buße sollte in unseren Seelen jetzt tiefer sein als jemals zuvor, und in gewissem Sinne sollten wir Gott und dem Himmel jetzt mehr Freude bereiten, weil wir gründlich den Zustand verurteilen, in dem wir von Natur waren, und wir sehen die wunderbare Tätigkeit der göttlichen Gnade. Es ist gut, in dieses Gebiet einzugehen.

        „Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verloren hat, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?“
        Der Herr gibt zu verstehen, dass die neunundneunzig Personen die sind, die der Buße nicht bedürfen -; [....]

        das sind eigentlich die Schriftgelehrten und die Pharisäer, so schätzen sie sich selber ein. Der Herr bringt das Herz Gottes und die Gesinnung des Himmels ans Licht. Die Gesinnung des Himmels ist voller Interesse für bußfertige Sünder. Es ist nicht dasselbe Interesse für diejenigen vorhanden, die der Buße nicht bedürfen. Hier wird die Frage nicht erwogen, ob wirklich solche vorhanden sind; dem Namen nach oder nach ihren eigenen Gedanken gibt es vielleicht solche. Wir sagen oft zu den Menschen: Wenn ihr keine Sünder seid, gibt es für euch keinen Heiland. Christus Jesus kam in diese Welt, um Sünder zu erretten; somit gibt es keinen Heiland für Leute, die keine Sünder sind.

        Das Haus, wohin das Schaf getragen wurde, deutet auf einen Ort auf Erden hin, wo die Anteilnahme des Himmels einen Widerhall findet. Wir sind dorthin gebracht worden, was Gott in Gnaden ist, und das ist unsere Freude - es ist alles, was wir haben. Was alles andere anbetrifft, so verurteilen und verwerfen wir es. Buße bedeutet, dass wir alles ablehnen, was nicht von Gott und aus Gnaden ist, und das ist vollkommenes Glück.
        Sehr viele Christen sind nicht glücklich oder jedenfalls nicht so glücklich, wie sie es sein könnten, weil sie sich Luk. 15 nicht zu eigen gemacht haben.

        Es gibt eine Person der Gottheit hier auf Erden, welche durch Gefäße wirkt, in denen Sie wohnt, und eine wunderbare Tätigkeit dieses Geistes geht beständig vor sich. Es geht nicht nur darum, wie weit der Sohn Gottes ging, indem Er in den Tod hinabstieg, um uns zur Buße zu bringen, sondern der Geist übt auch Tätigkeiten aus, die durch das Weib, das die Lampe anzündet, das Haus kehrt und sorgfältig sucht, bildlich dargestellt werden. Diese Tätigkeiten des Geistes geschehen im Blick auf dasselbe Ziel. Der Verlust des Weibes wird unterstrichen. Sie hat ihre Drachme verloren, und sie sagt in Vers 9: „Ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.“ Eine Drachme deutet auf etwas Wertvolles hin.
        Ich bin nicht darum besorgt, dass die Menschen an gewisse Dinge glauben sollten. Sie sagen oft, dass sie glauben, doch nimmt man an ihnen kein besonderes Ergebnis wahr. Ihr Wandel ist nicht verändert. Wenn jemand behauptet, ein Gläubiger zu sein, dann möchte man wissen, was für ein moralisches Ergebnis bei ihm erzeugt worden ist. Übt der Betreffende auch Selbstgericht aus? Das ist das Wichtige. Dann hat das Herz Gott immer mehr vor sich, und Er wird, als in Gnaden erkannt und geschätzt. Daher ist eine dankerfüllte Gesinnung vorhanden, und Gott bekommt etwas von dieser Seele, und die Heiligen bekommen auch etwas.
        Die Tätigkeit des Geistes geschieht durch die Heiligen; in dieser Weise wirkt der Geist in diesem Kapitel. Im Christentum wohnt der Heilige Geist in einem Gefäß. Das Anzünden der Lampe ist die Predigt des Wortes. Das Wort wird allgemein von den Heiligen angewandt; die Dinge werden durch das Licht des Wortes beleuchtet. Was der Geist in dieser Hinsicht tut, wird durch die Heiligen getan. Stehen wir dem Geiste zu einem solchen Dienste zur Verfügung? Wir dürfen dieses wunderbare Vorrecht nicht beiseite setzen.


        Ich nehme an, dass sehr wenige zur Buße gebracht werden, ohne dass sie von den Heiligen beeinflusst werden. Das besagt einfach, dass von denen, in denen der Geist wohnt, ein Einfluss ausgeht. Es ist die Tätigkeit des Geistes, aber es geschieht durch die Heiligen. Paulus
        sagt: „Wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium“; d. h. Paulus predigte, Gott berief und der Geist „kehrte“ - alles ging zusammen vor sich.
        Es ist etwas Großes, den persönlichen Charakter dieses Kapitels zu erfassen. Nicht nur hat Gott die Welt also geliebt, sondern Gott interessierte Sich auch für mich und wollte mich haben. Hier ist es nicht die weltumfassende Gnade, sondern die Gnade im besonderen Sinne. Gott hat mich gefunden, und deshalb kann ich Ihm sagen, dass ich weiß, wie glückselig Er ist, dass Er mich hat. Es ist etwas Wunderbares, sich dessen bewusst zu sein, dass man dem Herzen Gottes ein Gegenstand des Wohlgefallens ist.

        Ich nehme an, dass dieses Kapitel sich in besonderer Weise auf diejenigen bezieht, die auf einem bevorzugten Platze sind, mehr als auf diejenigen, die wie die Heiden gar keine Erkenntnis Gottes hatten. Der Jude war auf einem bevorzugten Platze, die Christenheit ist auf einem bevorzugten Platze, und ebenso sind es auch die Kinder gläubiger Eltern. Wer unter der christlichen Lehre erzogen ist, befindet sich auf einem bevorzugten Platze, und in einem solchen Gebiete gibt es zwei Klassen. Es gibt solche, die dem, was sie von Gott wissen, den Rücken kehren und ihrem eigenen Vergnügen leben, ohne auf Gott Rücksicht zu nehmen; und es gibt andere, die einen gewissen Anstand wahren und Ehrerbietung Gott gegenüber zu haben scheinen, aber schließlich erweisen sie sich als moralisch noch weiter von Gott entfernt als die erste Klasse.
        Der sogenannte verlorene Sohn stellt jemand dar, der sich von dem, was er kannte, entschieden abwandte; er könnte dem Worte in Jes. 53 entsprechen:
        „Wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg.“
        Es hat sich ein entschiedenes Abwenden von dem, was von Gott ist, und ein Hinwenden zur eigenen Befriedigung vollzogen.
        Ein „verlorener Sohn“ in diesem Sinne zu sein schließt in sich, dass man an einem bevorzugten Platze gewesen war.

        Dadurch wird der Angelegenheit eine besonders ernste Anwendung auf die Gegenwart gegeben.
        Adam und Eva entfernten sich von der ihnen bekannten und von ihnen genossenen Güte Gottes; der Garten Eden war ein Platz des Vorrechts und der Segnung, der unschuldigen Geschöpfen vollkommen angemessen war, aber Adam und Eva wandten sich entschieden auf ihren eigenen Weg. Das machte die Sache sehr ernst. Es war nicht nur das Ergebnis der Sünde Adams, sondern ein Weg der Abtrünnigkeit wurde auch dadurch von einem Menschen beschritten, der einigermaßen Gott und Seine Güte gekannt hatte.
        Sich von Gott abzuwenden ist jetzt schrecklicher als je zuvor. Es ist schrecklich zu sehen, wie die Kinder gläubiger Eltern sich abwenden, wenn sie 16 oder 17 Jahre alt werden. Sie wollen ihren eigenen Weg gehen, sie fühlen sich eingeschränkt. Alles, was sie haben, verdanken sie der Vorsehung Gottes; aber sie erheben darauf ihren Anspruch als ihr Eigentum und beanspruchen das Recht, es an sich zu nehmen und Gott zu verlassen. Ich wurde in einem christlichen Heim erzogen mit allen Vorzügen, die die Schriften und eine gebetserfüllte Umgebung mir gewähren konnten, jedoch fand sich in mir der deutliche Wunsch, sich von alledem abzuwenden.

        Der ältere Bruder stellt eine andere Klasse dar. Sie wenden sich äußerlich nicht ab; augenscheinlich erzeigen sie Gott Ehrerbietung. Sie betreten nicht öffentlich die Wege der Sünde; sie gehen zur Kirche, zur Kapelle oder zum Versammlungsraum; sie lesen die Bibel; sie sagen ihre Gebete auf und tun nichts äußerlich Verkehrtes. Es gibt viele von solchen im Kreise des Vorrechts, doch ist es möglich, dass sie sich moralisch noch weiter von Gott weg befinden als diejenigen, die auf Gott gar keine Rücksicht nehmen.
        Diese Dinge werfen ein helles Licht auf die ganze Lage. Wir sehen gewisse Leute, die das Recht beanspruchen, alles, was Gott ihnen gegeben hat, für sich zu gebrauchen. Sie wollen nicht die Beschränkung annehmen, die die Erkenntnis Gottes uns auferlegt; sie wollen sich möglichst weit davon entfernen und ihrer eigenen Befriedigung, fern von dem Gott, den sie am Platze des Vorrechts gekannt haben, leben.

        Es gibt auch andere, die ein anständiges, religiöses Leben führen - sie sagen: „Niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten“ - das Ergebnis beweist aber, dass sie den Gott des Lukasevangeliums nicht kennen, und es besteht mehr Hoffnung für die erste Klasse als für die zweite.
        Wir sehen hier die Wege Gottes, wie Er es zulässt, dass wir uns bis an die Grenze des Möglichen entfernen. Der Pfad der eigenen Befriedigung wird mit jedem Tage weniger erfreulich; beständig nimmt die Ergötzung der Sünde ab. Ein junger Mann mag an der eigenen Befriedigung viel Freude finden, aber beim zweiten Mal findet er schon weniger Freude daran, und beim dritten Mal noch weniger, und so geht es weiter, bis die Zeit kommt, wo eben die Dinge, die ihn so ergötzten, ihm gar kein Vergnügen mehr bereiten - er hat alles vergeudet und ist am Ende.
        Ich glaube, dass jeder von uns moralisch das Ende des Bestrebens, Vergnügen fern von Gott zu finden, erleben muss. Wir müssen alle diesen Weg gehen. Der Herr gibt uns diesen äußersten Fall, weil er alle anderen Fälle in sich begreift. Wir haben alle gesucht, eigene Befriedigung zu finden und haben unser Vermögen vergeudet, denn ein Leben, das in der eigenen Befriedigung gelebt wird, wird vergeudet, ob es nun auf eine grobe oder auf eine verfeinerte Art geschieht.
        Hier wird uns der ganze Verlauf aufgedeckt, der Verlauf des Abirrens und der Wiederherstellung werden von einer Meisterhand beschrieben. Der verlorene Sohn hatte alles
        vergeudet, er besaß nun nichts mehr, um sein Dasein fristen zu können. Wir sind alle diesen Weg gegangen. Wir ergötzten uns an der Sünde in dieser oder jener Form, bis sie uns nicht mehr befriedigen konnte, und unsere Gewissensbisse bereiteten uns mehr Elend als die eigene Befriedigung uns Vergnügen bereitet hat.
        Wenn unsere Hilfsquellen zu Ende sind, wird die Hungersnot sicherlich kommen. Wir haben nichts mehr, das uns befriedigen könnte; und dann erweist sich uns dieses Land der Gottesferne als ein Ort der Hungersnot. Dann steigt der verlorene Sohn noch eine Stufe weiter hinab; er hängt sich an einen der Bürger jenes Landes und befindet sich nun an einem Platze der äußersten Erniedrigung. Das geschieht oft in der Lebensgeschichte einer Seele. In solch einem Falle fällt jemand in solche Tiefen der Erniedrigung, die er niemals für möglich gehalten hätte. Er kann aber dort keine Befriedigung finden, und niemand gibt ihm etwas, noch nicht einmal das Schweinefutter. Alles das geschieht durch die Barmherzigkeit Gottes.
        Ihr mögt sagen: Das ist ein furchtbares Bild des Eigenwillens und der Abtrünnigkeit; aber der Herr bringt es ans Licht, um zu zeigen, dass Gott diese Umstände gebraucht, um die höchst erdenkliche Segnung zuwege zu bringen.


        Der Mensch ist überhaupt unfähig, Freude zu genießen, als nur in den Dingen, die er durch Gottes Vorsehung besitzt. Wenn er nichts von Gott hätte, hätte er auch keine Kraft, sich zu freuen. Er hat nur das, was er durch die Vorsehung besitzt - seine Kraft, seine Gesundheit, seine Fähigkeiten, seine Mittel - alles ist ihm von Gott durch die Vorsehung gegeben, und er nimmt und gebraucht es zu seiner eigenen Befriedigung. Er muss aber auf diesem Boden zu Ende kommen, und dann findet er, dass in seinem Herzen etwas noch Tieferes ist als die eigene Befriedigung. Die eigene Befriedigung steht oben an, und wir dürfen sagen, auch in der Mitte, aber ganz unten, ist noch etwas. So war es bei dem samaritischen Weibe; sie lebte ein Leben in Selbstgefälligkeit, und alle Leute in Samaria hielten sie für eine sehr selbstgefällige Frau; der Herr aber sah noch etwas anderes. Tief unter dem allen sah der Herr den Gedanken über die Anbetung Gottes und über den Messias - über den Kommenden, der ihnen über alle Dinge Licht geben würde.
        „Als er aber zu sich selbst kam“ - das wahre „Ich“ dieses Menschen war ganz anders als die Selbstgefälligkeit, worin er bis zur äußersten Möglichkeit gelebt hatte. Das Werk der Gnade hatte das jetzt nach oben gebracht. So ist es mit denjenigen, die an einem bevorzugten Platze gewesen sind. Sie haben von dem gepriesenen Gott, der im Lukasevangelium verkündigt wird, gehört, und im Laufe ihres selbstgefälligen Lebens finden wir das auf dem Grunde ihres Herzens. Wenn alles fehlgeschlagen hat, kommt es an die Oberfläche; es tritt zutage und behauptet sich. Es war da im Herzen des verlorenen Sohnes. „Als er aber zu sich selbst kam“ - ein auffallendes Wort. Es ist das wahre „Ich“ dieses Mannes; er musste zu seinem wahren „Ich“ zurückkommen.
        Der Herr hat hier die Wiederherstellung des Verlorenen vor Sich, und alle diese Erlebnisse des verlorenen Sohnes gehören zum Wege Gottes, ihn zu dem Punkte der Buße zu bringen. Das wahre „Ich“ des Mannes wurde erreicht, als er dazu kam, sich selbst zu verurteilen und die Fülle und Befriedigung im Hause des Vaters anzuerkennen, und er sagte: „Ich aber komme hier um vor Hunger.“ Es ist ein scharfer Gegensatz. Er sagt: Ich weiß einen Ort, wo der niedrigste Tagelöhner, der niedriger ist als ein Knecht, Überfluss hat. Er besaß dieses Wissen, das er nie verlor. Das ist ein großer Trost.
        Es gibt Menschen, für die wir oft beten - die Jungen und Mädchen, die unter uns gesessen und die Wahrheit von dem Gott des Lukasevangeliums gehört haben. Man hat gesehen, wie viele von ihnen sich von Gott abwandten und ihre eigenen Wege gingen, indem sie in der Gottesferne die eigene Befriedigung suchten. Wir beten für sie, weil wir hoffen, dass etwas in die Tiefe des Herzens gelegt worden ist, das der Teufel nie wegnehmen kann. Viele Kinder der Heiligen bekennen, dass sie an Jesum glauben, die Probe kommt aber, wenn die Begierden des Fleisches sich zu behaupten beginnen und die Welt ihre Anziehungskraft bietet. Dann kann sich ein entschiedenes Abwenden vollziehen. „Wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg.“
        Es ist ein ernster Augenblick, es ist etwas Herzzerreißendes, wenn ein junger Mann oder eine junge Frau dahin kommt, dass die Zusammenkünfte ihm oder ihr gleichgültig werden. Sie ziehen die Welt mit ihren Unterhaltungen und ihrer Geselligkeit vor, und allmählich oder plötzlich reißen sie sich von den Gläubigen los. Es ist aber ein Trost, daran zu denken, dass sie für uns nicht endgültig verloren sind. Das wahre „Ich“ kann bei ihnen vorhanden sein, wie auch eine Wertschätzung der Güte Gottes. Als ich ein kleines Kind war, hatte ich in meiner Seele ein wunderbares Bewusstsein von der Güte Gottes und von der Kostbarkeit Jesu. Es war da, ehe ich begann in ein fernes Land auszuwandern, und zur bestimmten Zeit fängt es dort an, in mir wieder aufzuleben; denn es war mein wahres „Ich“.
        Ich glaube, wir sollten das von der Seite der Unumschränktheit Gottes betrachten, und das wahre „Ich“ des Menschen, wenn er auch sein Vermögen vergeudet hat und in Armut, Hunger und Erniedrigung ist, ist das Bewusstsein von der glückseligen Güte Gottes. Es tröstet mich, sehr daran zu denken, dass, wenn der Schutt und Abfall durch traurige Erfahrungen weg geräumt worden ist, das wahre „Ich“ ans Licht kommt. Es muss dann wahres Selbstgericht eintreten, denn wenn ich mich von dem Gott des Lukasevangeliums abgewandt habe, bin ich einer der schlimmsten Sünder.
        Bedenkt, was es ist - ich habe es tatsächlich vorgezogen, Gott zu verlassen und meinen eigenen Weg zu gehen! Das hilft dann, das richtige Bewusstsein von der Sünde zu erzeugen. Es erzeugt ein tausendmal tieferes Bewusstsein von der Sünde als alle Donner des Sinai.
        Das wird hier von der Seite der Verantwortlichkeit geschildert, es ist die äußere Lebensgeschichte. Wir können aber wahrnehmen, dass unter der äußeren Lebensgeschichte ein geheimes Werk Gottes vorhanden ist, das das Bewusstsein von der Güte Gottes erzeugt. Er sagt: Da gibt es Überfluss. Es ist ein wunderbarer Augenblick in der Lebensgeschichte der Seele, wenn es ihr einleuchtet, dass die niedrigste Person, die es mit Gott zu tun hat, unendlich besser gestellt ist als die höchste Person in dieser Welt. Das ist nicht nur ein Gedanke, gleichsam wie wenn die Menschen sagen, dass Gott gütig ist.


        Die Wirklichkeit der Sache kommt durch die Bewegung zutage. Man kehrt sich entschieden von allem ab, was das Leben in der Welt ausmacht, und man kehrt sich Gott zu. Sobald dieser Punkt erreicht ist, ist alles in Ordnung.
        Der Herr deutet nicht an, dass der verlorene Sohn auch nur einen Schritt getan hat. Er sagte: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen“; Wir lesen aber nicht, dass er auch nur einen Schritt tat, denn sein Vater sah ihn, als er noch fern war. Es ist dasselbe Wort
        wie das ferne Land.
        Eine Frage steht vor einer Seele, die sich verurteilt hat, weil sie gegen den Himmel und in den Augen Gottes gesündigt hat. „Gesündigt gegen den Himmel“ ist ein bemerkenswerter Ausspruch. Wenn meine ganze Lebensführung der Gesinnung des Himmels entgegen gesetzt war und ich vor Gott, dem Gott des Lukasevangeliums gesündigt habe, was für einen Empfang kann ich dann erwarten? Wenn ich Güte von Gott erwartet habe, wird er nun aber auch so gütig sein, wie ich es erwartet habe? Der Herr sagt: Er wird unendlich gnadenreicher sein, als die größten Erwartungen, die ich jemals gehabt habe, es mir angeben.

        In dem Gleichnis sah der Vater den verlorenen Sohn, als er noch sehr fern war. Er wurde innerlich bewegt, er lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn sehr (vielmals oder zärtlich); es ist der inbrünstige Ausdruck der Zuneigungen. Und das geschah, ehe der verlorene Sohn auch nur ein Wort, irgendein Sündenbekenntnis ausgesprochen hatte.
        Das ist der Gott, mit welchem wir es zu tun haben; keine Schranke ist da, denn sobald wir uns selbst richten und von Gott Güte erwarten, wird Er alles für uns tun, Er wird alles für uns verwenden, Er wird uns mit Küssen bedecken. Das einzige Mal, wenn Gott Sich beeilt und läuft, ist, wenn es einen bußfertigen Sünder gibt. Das Bedecken mit Küssen beweist das Bewusstsein von der Liebe Gottes. Das ist mit der Gabe des Geistes verbunden.

        Es würde uns viel helfen, wenn wir das tiefe Bewusstsein von der Freude hätten, die Gott erlebt, wenn Er sieht, dass wir uns Ihm zugewandt haben. Jeder, der sich selbst gerichtet und sich Gott zugewandt hat, hat dem Herzen des gepriesenen Gottes tiefe Freude bereitet. Das gibt dem Selbstgericht Kraft. Im fernen Lande sagte der verlorene Sohn: „Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“, aber sein Selbstgericht wird wohl noch zehnmal tiefer gewesen sein, als die Arme des Vaters seinen Hals umfassten und er mit Küssen bedeckt wurde.
        Die wirkliche Grundlage der geistlichen Freude und Kraft besteht darin, dass wir uns vor der göttlichen Gnade zu verurteilen wissen, so dass wir niemals etwas von uns selbst erwarten, sondern alles von Gott erwarten - dann sind wir glücklich. Habt ihr jemals das unbeschreibliche Bewusstsein der Liebe Gottes und Seiner Freude, dass Er Sich Selbst euch zugewandt hat, erlebt? Es ist Gott eine Wonne, dieses Bewusstsein zu geben; wir können es einander nicht geben. Ich glaube nicht, dass irgend jemand beschreiben kann, was es ist - das unbeschreibliche Bewusstsein, dass Er mich liebt und dass ich ein Gegenstand Seines Wohlgefallens bin, weil ich mich selbst gerichtet habe und bußfertig bin und mich Ihm zugewandt habe.
        Die Seele empfindet das durch den Geist; all die Liebe, die auf Golgatha zusammengefasst wurde, wird jetzt durch den Geist in Millionen Herzen ausgegossen, und jedes Herz hat empfunden, dass es geküsst wurde. Wir haben hier dieselben Worte - „der Vater fiel um seinen Hals“ - wie in Apg. 11 - der Heilige Geist „fiel“ auf die, welche im Hause des Kornelius das Wort hörten. Die Liebe Gottes wird in unsere Herzen durch den Geist gebracht, so dass die Haltung Gottes uns gegenüber innerlich erkannt wird.
        Die Grundlage für alles dieses ist die Versöhnung, doch wird das in diesem Kapitel nicht ans Licht gebracht. Die einzige Andeutung darauf sehen wir in dem Schlachten des gemästeten Kalbes, was auf den Tod Christi hindeutet; aber es ist der Tod Christi mehr als die Grundlage der ewigen Freude im Hause Gottes, als die Versöhnung. Es beruht alles auf der Versöhnung, aber die Versöhnung wurde durch den Tod Christi bewirkt. Durch den Tod Christi wurde ein solches Werk vollbracht, dass alles, was Gott nicht wohlgefiel, beseitigt wurde.
        Hier in Luk. 15 sehen wir das auf Erfahrungen gegründete Werk in der Seele, wodurch die Frucht der Versöhnung uns zugute kommt. Alles, was wir hier haben, beruht auf der Versöhnung. Kol. 1 sagt: „Versöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und tadellos und unsträflich vor sich hinzustellen.“ Der verlorene Sohn wird in dieser Weise hingestellt, er ist heilig und tadellos und unsträflich. Das ist die Frucht der Versöhnung. Wenn die Versöhnung durch den Tod Christi nicht bewirkt worden wäre, so hätten wir keinesfalls Luk. 15 in unseren Bibeln.
        Das beste Kleid besagt, dass wir in einem neuen Zustande vor Gott stehen. Als der Vater den verlorenen Sohn küsste, konnte seitens des Vaters nichts hinzugefügt werden; Er bedeckte ihn mit Küssen. Er konnte nicht mehr tun - das Kleid, der Ring und die Sandalen sind alle den Küssen untergeordnet. Wenn jemand mich inbrünstig küsst, so ist darin mehr Zuneigung als im Geben eines Kleides. Die Küsse deuten auf das Hervorkommen der tiefsten Tiefen des Herzens Gottes betreffs dieses Gegenstandes der Liebe. Das Herz Gottes bricht in Seiner ganzen Fülle hervor, und der verlorene Sohn fühlt, dass Gott ihn von ganzem Herzen liebt. Gott bedeckt ihn mit Küssen - was könnte noch größer sein als das?
        Dann werden seitens des verlorenen Sohnes einige Dinge benötigt, so dass das Kleid, der Ring und die Sandalen in Erscheinung treten, damit er mit bewusster Annehmlichkeit für Den, der ihn geküsst hat, bekleidet ist. Das beste Kleid scheint mit dem Vorsatze Gottes verbunden zu sein; es ist im Hause vorhanden, und die Knechte wissen, wo es zu finden ist. Es war nach Seinem Vorsatze da. Wir können sagen, es war von Ewigkeit her da. An diesem besten Kleide war alles vorhanden, was die genaueste Untersuchung des Auges Gottes befriedigen konnte. Wenn man sich dessen bewusst ist, dass man geküsst worden ist, so kann das Herz durch nichts befriedigt werden, als nur durch das Bewusstsein von der Wohlannehmlichkeit Dem gegenüber, der einen geküsst hat. Darum wird man durch das beste Kleid mit Wohlannehmlichkeit bekleidet. Die Person, die geküsst wurde, ist nun angenehm gemacht in dem Geliebten.

        Die Knechte sind da, um mit dem besten Kleide zu bekleiden; es ist ihre Arbeit, dies zu tun. Sie kennen den Reichtum und die Hilfsquellen des Hauses. Wir sollten fähig sein, die verlorenen Söhne zu bekleiden, wenn sie zurückkehren.
        In diesem Gleichnis wird beim Charakter des Empfanges verweilt; es endet nicht mit der Buße des Sünders, die im Falle des Schafes und der Drachme die Hauptsache ist. Natürlich tritt in dieser Geschichte die Wahrheit der Buße ans Licht, aber die Hauptsache ist der wunderbare Charakter des Empfanges. Man möchte seine Seele mit dem Bewusstsein von dem wunderbaren Empfang erfüllt haben, den Gott allen Zurückkehrenden gewährt.
        So stellt der Herr die Angelegenheit dar. Wir haben eine Schilderung, die unmöglich von einem anderen gegeben werden konnte als nur vom Sohne der Liebe des Vaters. Gott hat an dieser Angelegenheit eine solche tiefe Freude, dass Er sagt, es gezieme sich, fröhlich zu sein und sich zu freuen. Er rechtfertigt Sein Tun nicht auf Grund der Barmherzigkeit und der Gnade, sondern Er sagt: „Es geziemte sich.“ Die Lehre Pauli über die Gerechtigkeit Gottes liegt dem zugrunde, d. h. Seine Gnade ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit.
        Gott will, dass wir die Art und Weise, wie Er uns empfängt, erfassen, wie auch die Vollkommenheit und Glückseligkeit Seiner eigenen Gedanken, die vor Anbeginn der Welt in Christo gefasst worden sind. Unsere geistliche Lebensgeschichte möchte uns damit bekleiden, damit wir, wie Paulus sagt, „vollkommen in Christo“ dargestellt werden. Paulus schreibt an die Kolosser: „Christus ... den wir verkündigen, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, auf dass wir jeden Menschen vollkommen in Christo darstellen.“ Das war das Bemühen des Apostels Paulus, und auch Epaphras rang im Hintergrund darum, auf dass die Heiligen mit dem besten Kleide, dem Ring und den Sandalen bekleidet sein möchten. Die ewigen Gedanken Gottes in Christo sind völlig ans Licht gekommen, so dass sie denjenigen, die an Ihn glauben, verliehen werden können. Die Knechte bedienen den Heimgekehrten im Blick darauf, dass er durch den Dienst Christi so von sich denken möchte, wie Gott von ihm denkt.
        Am Anfang des Epheserbriefes redet Paulus davon, dass Gott die Heiligen vor Grundlegung der Welt in Christo auserwählt hat, auf dass sie heilig und tadellos vor Ihm in Liebe seien. Denkt euch solch einen Vorsatz! Denkt an das Wesen dieser Heiligkeit und Tadellosigkeit, das in den Gedanken Gottes in Christo vor Grundlegung der Welt vorhanden war! Es ist nicht Adam, ob unschuldig oder gefallen, noch der wiederhergestellte Adam, sondern es ist diejenige Art der Wohlannehmlichkeit vor Gott, die in Seinen Gedanken und in Seinem Herzen in Christo vor Grundlegung der Welt vorhanden war. Dieses wunderbare Kleid war von Ewigkeit her vorhanden, es konnte aber nicht eher herausgebracht werden, als bis diese köstlichen Gedanken in dem auferstandenen und verherrlichten Christus Gestalt angenommen hatten.
        Jetzt haben diese Gedanken in einem auferstandenen und verherrlichten Menschen Gestalt gewonnen, und Gott will uns zu verstehen geben, dass Er jeden annimmt, der sich Ihm in der Kostbarkeit und dem Werte und der unendlichen Glückseligkeit dieser Seiner ewigen Gedanken in Christo zuwendet. Wenn man mit dem besten Kleide angetan ist, entkleidet man sich aller Gedanken an sich selbst, ob gute oder böse, und man ist mit den köstlichen Gedanken Gottes bekleidet, die im Vorsatz in Christo vor Grundlegung der Welt vorhanden waren. Wir machen einen ganz neuen Anfang. Einer, der mit dem besten Kleide angetan ist, ist von der Welt, vom Fleische und von der ganzen religiösen Ordnung der Dinge hienieden befreit, weil er mit etwas bekleidet ist, das der Ewigkeit angehört, nämlich mit den ewigen Gedanken Gottes in Christo. Das ist der einzige Weg, auf dem wir gänzlich von uns selbst befreit werden können. Es gibt keinen anderen Weg, als nur bewusst mit den Gedanken Gottes, die in Christo Gestalt gewonnen haben, angetan zu sein.
        Die Gedanken Gottes in Christo werden uns dann im Dienste nahegebracht - Verwaltung und Belehrung und Dienst am Worte sind alle nötig -, das Ergebnis ist aber, dass die Heiligen in Christo dargestellt sind. Daran ist nichts Unwirkliches oder Unrechtes. Es wird zu einem Teil des moralischen Seins. Ich bin mir dessen bewusst, dass nichts anderes für Ihn und auch für mich wohlannehmlich ist, wenn ich Ihn liebe. Nichts ist wichtiger, als dass die Heiligen bewusst mit dem Wesen der Heiligkeit, Tadellosigkeit und Unbescholtenheit angetan sein sollten, wie Gott es ihnen in Christo schon vor Grundlegung der Welt zugedacht hat. Für uns gibt es nichts Geringeres, ich muss das haben, oder ich habe mich selbst; es mag ein gutes, religiöses oder reformiertes oder verchristlichtes „Ich“ sein, aber dieses „Ich“ ist nicht Christus.
        Auf unserer Seite gibt es nichts Vollkommenes; doch auf Gottes Seite sind die Dinge vollkommen, auf unserer Seite aber nur stückweise. Sogar ein Apostel konnte sagen: „Wir erkennen stückweise“, und es wird nie anders sein, es wird immer Raum für erweiterte Erkenntnis sein, bis das Vollkommene gekommen sein wird, und dann werden wir erkennen, gleichwie wir erkannt worden sind. In dem vollkommenen Zustande werde ich mich selbst erkennen, wie Gott mich erkannt hat, und das ist der Höhepunkt der Glückseligkeit.
        Der Ring scheint in der Schrift mit öffentlicher Ehre verbunden zu sein. Dem Joseph wurde ein Ring von dem Pharao verliehen, und im Buche Esther lesen wir, dass der König dem Haman und dann dem Mordokai seinen Ring gab. Es scheint auf eine Stellung der Würde und der öffentlichen Ehrung hinzuweisen. Als Pharao seinen Ring abnahm und ihn dem Joseph gab, verlieh er ihm die öffentliche Ehre als Verwalter von allem, was in Ägypten war - das ist die Ehre, die Gott für Seine Söhne vor Sich hat. Die Söhne Gottes sollen als solche in Erscheinung treten, die bei Gott eine sehr ehrenvolle Stellung einnehmen, so dass nichts Unwürdiges oder Gemeines sich für die, welche den Ring tragen, geziemt.
        Wir könnten uns nicht dazu herablassen, etwas Niedriges oder Gemeines zu tun. Wir müssen immer dessen eingedenk sein, dass wir von Seiten Gottes mit der größten öffentlichen Ehrung angetan sind, die bald offenbar werden wird. Wenn die Söhne Gottes offenbar werden, werden sie die ganze Schöpfung befreien. Wie würden wir sein, wenn wir dieser Würde gemäß wandeln würden? Paulus schreibt an die Korinther: „Wisset ihr nicht, dass ihr die Welt richten werdet, dass ihr die Engel richten werdet“, und doch streitet ihr wegen einer kleinen Geldangelegenheit? Es war ein Verweis, sie hatten nicht den Ring an.
        Der Ring gibt uns ein Bewusstsein von der Würde an dem Platze, wo wir Gott darstellen. Als Pharao dem Joseph seinen Ring gab, war es gewissermaßen so, als wenn er sagte: Du sollst mich vertreten. Und als der König seinen Ring dem Mordokai gab, sollte er den König vertreten, damit er jedes Dokument mit dem Siegel des Königs versiegeln konnte. Der Ring stellt die Macht des Königs dar. Bedenkt, welch eine Würde es ist, dazu gesetzt zu sein, Gott im Weltall darzustellen!
        Wir sind jetzt Söhne Gottes, und uns gehört jetzt bei Gott dieselbe Ehre, die wir am Tage der Herrlichkeit haben werden. Am Tage der Herrlichkeit wird unsere Würde bei Gott nicht ein bisschen größer sein, als sie in diesem Augenblick ist. Dann wird sie offenbar werden, aber jetzt schon möchte Gott uns mit dieser Würde bekleiden. Wir denken nicht genug über uns selbst nach. Wir denken an uns nach den Richtlinien der Natur und des Fleisches, oder an das, was bei uns durch Unvollkommenheit und Schwachheit gekennzeichnet ist. Gott aber will, dass wir so über uns denken, wie Er über uns denkt, und Er trägt in Seinem Herzen die Gedanken über uns, die in Christo Gestalt gewonnen haben.
        Soweit wie wir es können, möchten wir gegenwärtig andere von Kummer befreien. Als der Herr hienieden weilte, war Er der große Befreier von jedem Kummer und von jedem Druck - das gehört zum Ring. Der Herr war hienieden, um den ganzen Reichtum des Himmels zu verwalten, und wir sind gewissermaßen in einer Stellung, worin wir Gott darstellen und vertreten sollen, weil wir Sein Siegel tragen. Bedenkt, wir sollen den Dingen das Siegel Gottes aufprägen und sie in einer Gott würdigen Weise berühren! Es ist demütigend, daran zu denken, wie wenig wir in dieser Würde stehen; aber dadurch wird Gott nicht verherrlicht.


        Die Sandalen reden davon, dass wir im Bewusstsein der Sohnschaft wandeln sollen. Nur Söhnen wurde es gestattet, Sandalen im Hause zu tragen. Wir sollen als Söhne Gottes wandeln, die vom Geiste Gottes geleitet werden. „So viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes.“ Der Geist kann mich niemals so leiten, dass ich etwas tue, das dem natürlichen Menschen entspricht. Es ist die größte Schmach für uns, wenn unser Tun dem Tun der Menschen gleicht. Diesen Vorwurf machte Paulus den Korinthern: „Ihr... wandelt nach Menschenweise.“ Wir halten es oft für selbstverständlich, dass wir nach Menschenweise wandeln, das ist aber ganz verkehrt. Wenn wir es tun, haben wir die Sandalen nicht an. Es sollte etwas an der ganzen Haltung eines Menschen, der zu Gott gebracht ist, zu sehen sein, was ihn als einen kennzeichnet, der bei Gott am Platze der Liebe steht.
        Die Freiheit der Sohnschaft gehört uns; uns ist das schon gegeben worden, was zur neuen Schöpfung gehört. Es ist nicht der verbesserte Adam noch das verbesserte Fleisch, sondern eine neue Schöpfung in Christo, und das alles wurde durch den Tod Christi zustande gebracht.
        Es ist eine Ordnung der Dinge, die gar nicht zur alten Schöpfung gehört. Das beste Kleid, der Ring und die Sandalen bildeten keinen Teil der ersten Erbschaft des verlorenen Sohnes. Er wurde aber damit angetan, und dann wurde das gemästete Kalb geschlachtet, und sie setzten sich hin und fingen an, fröhlich zu sein. Ich zweifle nicht daran, dass diese Glückseligkeit durch die Erkenntnis gesteigert wird, dass das alles durch den Tod Christi bewirkt worden ist. Das werden wir ewig feiern, wenn wir in der Glückseligkeit der neuen Schöpfung leben werden; wir werden uns ewig mit Gott an dem Gedanken ergötzen, dass alles dieses durch den Tod Christi herbeigeführt worden ist.



        Das gemästete Kalb deutet auf Christum als Denjenigen hin, in dem wir die Zartheit und Vorzüglichkeit der Liebe gesehen haben, die alle Gedanken Gottes in einer gerechten und Gott wohlannehmlichen Weise gesichert hat; alles ist durch den Tod gesichert worden. Wenn wir in irgendeinem Maße erkannt haben, was es bedeutet, mit dem besten Kleide, dem Ring und den Sandalen bekleidet zu sein, wie tröstlich ist es dann, mit Gott daran zu denken, dass dies ganz und gar die Frucht des Todes Seines Sohnes ist!
        Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Hause und dem Felde. Das Feld stellt den Ort der Gütigkeiten der Vorsehung Gottes dar; es bedeutet alles Gute, das Gott den Menschen, die auf der Erde leben, schenken kann. Man könnte natürlich denken, es wäre ein recht guter Ort, um dort zu leben; aber es ist nicht das Haus. Ich denke, dass das Feld in diesem Kapitel die Gütigkeit der Vorsehung, die genossen werden kann, darstellt. Eine große Anzahl Menschen leben an diesem Orte; sie sind dankbar für die Güte Gottes und für Seine Gütigkeiten, für Gesundheit und Kraft, Fähigkeiten und Mittel und für alles, was von der Gütigkeit der Vorsehung Gottes redet; das ist aber das Feld und nicht das Haus. Das Haus ist der Ort, wo die Freude der Gnade wohnt, und das ist etwas ganz anderes als die Gütigkeit der Vorsehung. Ich kann die beste Gesundheit haben und in meinen irdischen Umständen gut gestellt sein, und ich kann Gott für Seine Güte an mir dankbar sein. Das ist aber nicht die Gnade Gottes; es ist das Feld und nicht das Haus. Das Haus wird hier als der Kreis der Freude
        der Gnade gesehen, und wir sollten dort hineingehen.
        Es wird uns nicht gesagt, dass der Mann im nächsten Kapitel ein böser Mann war; es wird uns gesagt, dass er reich und gut gestellt war, aber er starb, und er schlug seine Augen im Hades auf.

        Der letzte Abschnitt dieses Kapitels ist sehr wichtig, weil er den Zustand sehr vieler Menschen schildert und zeigt, wo sie leben. Die Frage wird gar nicht aufgeworfen, ob der ältere Sohn ein Übeltäter war. Wie wir sagen würden, führte er ein achtbares, ordentliches Leben. Er konnte sagen: „So viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten.“ Der Herr stellt ihn als einen äußerst musterhaften Mann dar. Er ist auf dem Felde und genießt dort die Gütigkeit und Barmherzigkeit der Vorsehung Gottes, er ist aber außerhalb der Hauses, und soweit wie dieses Gleichnis geht, kommt er niemals herein. Das Haus ist der Ort, wo Fröhlichkeit herrscht, wo Musik und Reigen sind. Es ist, wo die Freude der Gnade den ganzen Schauplatz mit Musik erfüllt.
        Nun handelt es sich für uns alle um die Frage: Wo leben wir? Leben wir im Hause, auf der Feier der göttlichen Gnade, oder im Felde, beim Genießen der Gütigkeiten Gottes? In diesem Lande muss unsere Predigt oft an diejenigen gerichtet werden, die dem älteren Sohne ähnlich sind. Der jüngere Sohn hatte ein ausschweifendes Leben geführt und vergeudete sein Vermögen in Schwelgereien. Sehr viele Leute aber leben um uns her, die ein solches Leben gar nicht geführt haben. Sie haben sich anständig und religiös verhalten. Wie sie denken, haben sie ihre Pflicht vor Gott und vor ihrem Nächsten getan, sie kennen aber das Haus gar nicht.


        Die Vorsehung Gottes für die Welt ist auf die Versöhnung gegründet; jeder Regenschauer, der fällt, und jeder Sonnenstrahl, alles was wächst, die gesamte Gesundheit der Menschen und jeder Atemzug sind auf die Versöhnung gegründet. Wenn Christus nicht gestorben wäre, wäre nichts von alledem da; aber das ist nicht das Haus. Wenn nicht der Tod Christi gewesen wäre, wäre diese Welt schon vor Jahrtausenden untergegangen.
        In der Vorsehung bezeugt Gott Seine Güte. Ein Mensch kann nicht zu Mittag speisen, ohne ein Zeugnis von der Güte Gottes zu haben. Die Menschen sagen: Wir verdienen das mit unserer Arbeit, aber das ist nicht der Fall. Nehmen wir an, Gott würde keinen Regen und keinen Sonnenschein geben, was würde da die Arbeit des Menschen nützen? Er ist hilflos wie ein Sandkorn. Alles kommt von Gott durch Seine gütige Vorsehung, aber das ist das Feld; es ist nicht das Haus.
        Ein alter Bruder pflegte zu mir zu sagen: Warum wird beim Predigen immer über den jüngeren Sohn gepredigt? Warum predigt man nicht auch über den älteren Sohn? Das Wunderbare ist, dass Gott wirkt, um sogar einen solchen zur Erkenntnis Seiner Selbst in Gnade zu bringen. Gott wirkt die ganze Zeit, um diese religiösen und anständigen Menschen, die nie etwas Böses getan haben, zur Erkenntnis Seiner Gnade zu bringen. Hier richtete der Herr Seine Rede an die Pharisäer, die sich darüber beschwert hatten, dass Er Sünder aufnahm und mit ihnen aß. Darum beschreibt er die Zöllner und Sünder unter dem Bilde des jüngeren Sohnes, und die Schriftgelehrten und die Pharisäer unter dem Bilde des älteren Sohnes. Dann aber zeigt Er, dass im Herzen Gottes dieselbe Gnade beiden gegenüber wohnt. Das Herz des Vaters neigt sich ebenso zu dem einen wie auch zu dem anderen - das ist der Gegenstand des Lukasevangeliums.
        Gott hat nicht zwei verschiedene Gesinnungen den Menschen gegenüber; Er hat dieselbe Gesinnung allen Arten von Menschen gegenüber, damit jeder Mensch zur Erkenntnis Seiner Selbst in der Freude Seiner Gnade gebracht werden sollte. Der Weg, den älteren Bruder der Sünde zu überführen, ist, ihm das Bewusstsein beizubringen, dass er mit all seiner ganzen Güte, Anständigkeit und Religiosität Gott in Gnade nicht kennt, und dass er Gott in Gnade nicht schätzt - er wurde zornig.


        Der Vater verfährt mit dem älteren Sohne in solch einer wunderbaren Gnade; Er trat heraus und sagte: „Kind“. Darin liegt ein besonderer Zug der Liebe. Gott hat väterliche Gefühle für jeden stolzen Pharisäer in dieser Welt. In einem gewissen Sinne hat Er väterliche Gefühle für jeden Menschen in dieser Welt, denn die Haltung Gottes den Menschen gegenüber ist gnädig.

        Paulus sagt zu den Athenern: „Wir sind sein Geschlecht.“ Wir sind so langsam und schwerfällig, die Haltung Gottes zu erfassen und zu verstehen, dass die Gefühle Seines Herzens einem gegenüber, der Ihn wegen Seiner Gnade hasst, derart sind. Gott hat eine grenzenlose Freude an der Gnade, Er wird aber dafür gehasst, und dann sagt Er noch: Ich habe genau dieselben Gefühle zu dir.
        Die ganze Schrift ist ein Zeugnis von den väterlichen Gefühlen Gottes zu Seinem Geschöpf, dem Menschen. Die wunderbare und unaussprechliche Gnade Gottes kommt aber nirgends in einer solchen Pracht ans Licht, wie sie in Seinem Verfahren mit dem älteren Sohn zum Ausdruck kommt. Der ältere Sohn lebte in seinen eigenen Umständen, und die Freude der Gnade war seinem Herzen vollständig fremd. Als er davon hörte, rief er einen der Knechte, einen Knaben herzu. Jeder Knabe im Hause kannte seinen Vater besser als er. Er war ganz und gar außerhalb desselben. Als er die Musik und den Reigen hörte, wurde er zornig - der ganze Ort war mit Fröhlichkeit erfüllt -, er aber war außerhalb und musste einen Knaben herbeirufen, um zu erfahren, was geschehen war. Er erfuhr, dass sein Bruder gekommen war und dass sie das gemästete Kalb für ihn geschlachtet hatten. Der ältere Sohn kannte seinen Vater nicht als einen Geber. Er sagte: „Mir hast du niemals ein Böcklein gegeben, auf dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre.“ Er hatte einen Kreis von Freunden, zweifellos waren
        es sehr anständige Leute wie er selbst. Es war eine Art Gesellschaft zur gegenseitigen Bewunderung, aber ohne jede Freude über die Gnade. Es war unwahrscheinlich, dass sein Vater etwas zu einer solchen Fröhlichkeit beisteuern würde. Alles das zeigte, dass er mit dem Vater keinen einzigen gemeinsamen Gedanken hatte. Es war im Hause augenscheinlich ein ganzes System der Dinge vorhanden, worüber der ältere Sohn gar nichts wusste. Er wusste nichts von der Fröhlichkeit, dem Essen und Trinken und dem Reigen; er kannte nicht die Schätze des Hauses - das beste Kleid, den Ring und die Sandalen -, er war der ganzen Sache völlig fremd. Dennoch trat der Vater zu ihm hinaus und ermahnte ihn. Gott lässt nicht den stolzesten Pharisäer ohne die flehentliche Ermahnung der Gnade. Was kann aus einem werden, der über die Gnade zornig ist? Wenn er sich nicht umstellt, wird er bei dem reichen Manne im nächsten Kapitel sein.
        Der Bereich der Freude der Gnade ist der Bereich der Glückseligkeit Gottes. Es geht nicht um den Gewinn, den der Sohn hat, der zurückkommt, sondern um den Gewinn Gottes. Den Sohn zurückzuhaben, ist die Freude des Himmels. Die Freude des Himmels besteht nicht nur darin, dass arme Sünder von ihrem Elend erlöst und in endlose Güte versetzt werden, sondern die Freude des Himmels ist der Gewinn, den Gott hat.
        Wenn Gott einen Sünder empfängt, der Ihm entfremdet war, so ertönt die Freude darüber im Himmel droben, und im Hause unten ertönt der Widerhall der Fröhlichkeit. Wenn jemand bekennt, bekehrt zu sein, so sollten wir wirkliches Interesse dafür haben, zu erfahren, was Gott dadurch erworben hat. Die wirkliche Frage, die ein Verkündiger stellen sollte, wenn er niederkniet, ist: „O Gott, wieviel hast Du bekommen?“ Wenn ein Bruder aufsteht, um Gott in der Freude der Gnade zu preisen, so ist das wie die Musik - sind wir bereit, dazu einen Reigen zu tanzen? Schlägt jedes Herz dem freudig entgegen und tanzt es zu dieser Musik?
        Der Herr sagte zu etlichen: „Wir haben euch gepfiffen, und ihr habt nicht getanzt.“ Wenn ein Laut des Lobpreises Gottes wegen Seiner Gnade im Hause ertönt, regt sich dann unser Geist als Antwort darauf? Der Psalmist spricht über die Lobeserhebung Gottes im Reigen; das bedeutet lebhafte Regungen in den Zuneigungen. Im Alten Testament waren natürlich diese Dinge äußerlich, jetzt sind aber Musik und Reigen geistlich.


        Der ältere Bruder sagt: „Dein Sohn“, nicht „mein Bruder.“ Er stimmte nicht im Geringsten mit seinem Vater überein. Die ganze Zeit, wo der verlorene Sohn weg gewesen war, hatte er sich kein einziges Mal hingesetzt, um zu hören, was der Vater über ihn zu sagen hatte. Während der Abwesenheit des verlorenen Sohnes hatte Er niemals seinem Vater Gesellschaft geleistet, um zu erfahren, was sein Vater fühlte, denn er war erstaunt über den Empfang des verlorenen Sohnes. Wenn er mit seinem Vater Gemeinschaft gepflegt hätte, wären ihm die Gedanken seines Vaters bekannt gewesen.
        Der Vater sagt zu ihm: „Kind, du bist allezeit bei mir, und all das Meinige ist dein.“ Aus Gnaden sagte der Vater gleichsam zu ihm: Mein Gedanke ist, dass du bei mir sein solltest. Das Meinige ist dein, und ich möchte, dass du an dieser Angelegenheit ebenso teilnimmst wie Ich. Trotz der Hartherzigkeit, Selbstgerechtigkeit und Selbstsucht des älteren Sohnes ist der Vater darauf bedacht, jedes Mittel zu gebrauchen, um ihn zur Selbsterkenntnis in der Gnade zu bringen, wie auch dazu, mit Seiner Freude an der Gnade im Einklang zu sein. Es gibt nichts Rührenderes, als die Art und Weise, in welcher der Vater zu ihm redet; alles war für ihn da.
        Der Römerbrief bringt das der Lehre nach ans Licht. Wenn wir die moralische Grundlage dieser Dinge kennen wollen, müssen wir uns zum Römerbrief wenden. In Luk. 15 haben wir nicht die Grundlage der Lehre gemäß, sondern die Quelle dieser Dinge im Herzen Gottes wird geoffenbart - das ist das große Ziel der Evangelien. In den Briefen wird das Evangelium gelehrt; in der Apostelgeschichte wird es gepredigt, und in den Evangelien wird die frohe Botschaft bildlich dargestellt, so dass das jüngste Kind sie verstehen kann. Die Bilder sind von einer Meisterhand entworfen worden.
        Zweifellos hatte der Jude einen gewissen Vorzug, wie auch der Pharisäer. Die Schriftgelehrten und Pharisäer besaßen eine Erkenntnis der Schriften, die die Zöllner und Sünder nicht hatten. Der ältere Sohn hatte darin einen Vorzug vor dem jüngeren, dass er äußerlich zum Hause gehörte. Wir finden aber, dass sein wirkliches Interesse in einer Gemeinschaft lag, die der Freude an der Gnade ebenso fremd war wie das ferne Land. Deshalb waren die beiden Söhne gleich weit entfernt von Gott - der eine war nur äußerlich nahe, der andere weit entfernt von Gott. Als aber der eine zu Gott zurückgebracht wurde, da wurde die Freude des Herzens Gottes gesichert.

        Paulus war innerlich bewegt über die Juden, da er selbst ein älterer Bruder gewesen war. Die Welt der Nationen war kein Ort, wo er die älteren Brüder finden konnte. Er schildert diese Welt in Rom als einen Schauplatz des hoffnungslosen Verfalls, des Verderbens und der Ausschweifung. Der Jude hatte die Schriften, den Tempel und die Gunst Gottes. Trotz ihres Zustandes wurden sie vom Messias geliebt, und auch Gott liebte sie. Paulus litt unaufhörlichen Schmerz ihretwegen, und sein ganzes Herz schlug ihnen entgegen. Er sagte: „Ich habe gewünscht, durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein für meine Brüder“. Er ging so weit, wie ein Mensch gehen kann. Paulus dachte: Wenn sie auch keinem anderen glauben, so werden sie auf mich hören. Ich stand dabei, als das Blut des Märtyrers Stephanus vergossen wurde. Sie werden wissen, was für ein Pharisäer ich war, wie ich die Christen hasste und mich bemühte, jenen Namen auszurotten - sie werden sicherlich auf mich hören. Sie wollten aber nicht.
        Wir finden nicht, dass der ältere Sohn zugehört hat. Der Vater ermahnte und flehte, aber nichts deutet darauf hin, dass er zugehört hätte.
        Wir können Gott nicht mehr Liebe erweisen, als an Ihn der Wahrheit gemäß zu denken. Das ist Seine Gnade zu Seinem Geschöpf.

        Wenn wir an Gott der Wahrheit gemäß denken, so denken wir an den Gott, der in Luk. 15 dargestellt wird. Wir beten Ihn an und loben und verherrlichen Ihn, weil wir Ihn in der Wahrheit Seiner Gnade erkennen. Wenn ich dahin gebracht werde, so hat Gott mehr Freude daran als ich, denn Gott weiß, wie weit entfernt ich war, und Er ist der Einzige, der es weiß.
        Wo keine Erkenntnis Gottes Seiner Gnade gemäß ist, da ist der Mensch in Bezug auf Gott tot; da gibt es keine Regung des Lebens. Und ein Mensch, der zu Gott geht und Ihm dafür dankt, dass er nicht wie andere Menschen ist, dass er anständig und religiös erzogen wurde - dieser Mensch ist tot.
        Nehmen wir einen Augenblick an, dass der ältere Sohn nachgegeben und zu seinem Vater gesagt hätte: „Ich war ebenso schlecht und noch schlechter als mein Bruder“, und wenn der Vater ihn dann auch geküsst hätte, so wäre er herein gekommen, und beide hätten dann das beste Kleid und den Ring und die Sandalen angezogen und hätten das gemästete Kalb gegessen und sich gefreut, so wäre keine Spur vom verlorenen Sohn oder vom Pharisäer zurückgeblieben. Sie wären aufgrund der ewigen Gedanken Gottes in Gnade herein gekommen. Es gibt dort keinen verlorenen Sohn oder Pharisäer mehr, sondern einen neuen Menschen - das ist die Wahrheit von der Gnade Gottes.
        ​
        Im Herrn Jesus Christus
        Hans Peter Wepf
        1. Mose 15.6

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